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Düstere Ankünfte
Die Reihe, mit der alles begann...
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Düstere Ankünfte (DA) war die erste Conreihe von Sagenreiche. Sie umfasste sieben Veranstaltungen im Zeitraum von 2007 bis 2016. In dieser Zeit wurde eine Menge Fluff produziert, das immer über Sync verfügbar ist.

DA spielte im Königreich Arkadien, genauer gesagt im Fürstentum Branden, welches dank eines alten Fluchs lange Jahre überwuchert und kaum bewohnbar war. Mit der ersten Veranstaltung wurde dieser Fluch gebrochen, doch das war nur der Beginn eines Aufbruchs für Branden. In den folgenden Jahren sollten Bürgerkriege ausgefochten, uralte Salbungsrituale vollführt und alte Mächte befreit werden...

Arkadien wird auch jetzt noch nach Ende der Conreihe DA durch unsere Schwesterorga Falkenberg bespielt.

Zu den Fotos der Veranstaltungen geht es hier:

DA V - Masken des Wahnsinns

DA VI - Saat des Sturms (2) (3) (4)

DA VII - Am Ende bleibt Stille

Fotos der früheren Veranstaltungen werden in absehbarer Zeit nachgeliefert!

Für all diejenigen, die wissen wollen, was auf diesen Veranstaltungen passierte (oder wahrscheinlicher: diejenigen, die noch einmal nostalgisch darauf zurückblicken wollen), hier die Zusammenfassung der ersten sechs Veranstaltungen. Wenn ich jemals Zeit bekomme, schreibe ich sie vielleicht sogar zu Ende. Aber Vorsicht: die Geschichte ist lang. Lehnt euch zurück und macht es euch bequem...

Springe zu Zusammenfassung...

DA II - Opfer der Flammen

DA III - Kinder des Zorns

DA IV - Freiheitsklänge

DA V - Masken des Wahnsinns

DA VI - Saat des Sturms

DA VII - Am Ende bleibt Stille (NOCH NICHT GESCHRIEBEN)

Eine Lagerfeuergeschichte

Der Tag war lang und von hartem Marsch geprägt gewesen. Ich konnte spüren, wie meine Sehnen kreischten, als ich mich vor dem Lagerfeuer niederließ. »Eine Geschichte wäre willkommen an so einem feinen Abend. Nichts Schweres, nur etwas, um die Zeit zu vertreiben.« Ich sah in die Gesichter der anderen, die hier saßen. Eine ziemlich gemischte Runde. Ganz sicher würde hier jemand etwas zu erzählen haben.


»Ja. Eine Geschichte. Geschichten sind die Knochen der Welt.« Ein alter Mann lächelte mir zu. Seine Stimme war tief und klangvoll, wie das Grollen eines Waldbären. Er tauschte einen Blick mit der Frau, die sich bei ihm angelehnt hatte, als würde er sich mit ihr absprechen, dann sah er wieder zu mir. »Ich hab so eine Geschichte zu teilen, wenn du sie hören willst.«


Ich sah ihn mir näher an. Seine Haut war gegerbt und verwittert von einem Leben unter Sonne und Regen. Er trug seine Jahre wie ein Paar behaglicher Stiefel; eine lässige Robustheit ging von ihm aus. Die Frau an seiner Seite war etwa in seinem Alter, aber ich fragte mich, was die beiden zusammengeführt haben mochte. Sie war ein eng verschnürtes Bündel von Anspannung und Tatendrang. Neben ihm war sie still, aber es war eine Stille, die darauf lauerte, unterbrochen zu werden, während seine Stille Entspannung und Ruhe ausdrückte. Außerdem war sie schön – sehr viel mehr als er. Ihr Körper war schlank und trainiert und strafte das weiße Haar und die von fortgeschrittenen Jahren gezeichneten Gesichtszüge Lügen. Es stellte sich die Frage, wer er war, dass er eine Gefährtin wie sie hatte. Eine Geschichte von diesem Mann? Vielversprechend.


Er schien die Stille rund um das Feuer als Zustimmung zu verstehen. Während er aus seinem Beutel Tabak und Pfeife fischte, begann er zu sprechen. »Einmal gab es ein Land, das sein Leben in seinen Leuten hatte. Viele Länder sind so, sagt ihr vielleicht, aber in diesem Land war das noch wahrer als in vielen anderen. Denn hier war das Land selbst an den sterblichen Herrscher einer jeden Generation gebunden, eine engere Bindung als die von Bruder und Schwester, Mann und Weib –« Bei diesen Worten sah er noch einmal zu seiner Frau, die ausdruckslos zurückstarrte. »Oder wenigstens enger als die meisten solcher Bindungen. Ja, der Herr und sein Land waren eins. Wenn dem einen Leid geschah, quälte es den anderen mit, und wenn der eine blühte und gedieh, tat der andere es ebenso. Und wenn ein Herrscher starb, wie Menschen es müssen, trauerte das Land, bevor es von Neuem an den gebunden wurde, der ihm folgte. Aber diese Trauer verursachte denen, die dort lebten, kein Leid, wenigstens nicht über die Tränen und Klagen hinaus, die einem guten Herrscher in den Tod folgten. Denn das Land lebt lange und ein Jahr ist für es kaum mehr als ein Atemzug, so bedeuten die kurzen Wochen zwischen dem Fall des einen Herrschers und seiner Nachfolge nicht mehr Leid als ein unzeitiger Sturm oder ein schwacher Pesthauch. Und so verhielt es sich für viele Äonen – der Herrscher kannte seinen Bund und seine Verantwortung und kümmerte sich sehr achtsam um die alten Mächte des Landes, selbst wenn sie gerade ruhten oder in ihren eigenen Herausforderungen verfangen waren.« Der Blick seiner Frau weckte meine Aufmerksamkeit. Sie war so ausdruckslos wie zuvor, aber ich fühlte mich plötzlich nervös, furchtsam, als ob ich sie irgendwie gekränkt haben könnte. Da lag eine tiefe Heftigkeit und Wut hinter diesen Augen, glaubte ich, und ich hoffte, sie waren nicht für mich bestimmt.

 

»Die Launen der Zeit machten den Herrscher zum Vasallen eines größeren Königreichs, was seine Rolle für sein Land nicht im Mindesten änderte, aber im Lauf der Generationen neue Einflüsse mit sich brachte, sodass sich viele Kirchen hier einrichteten. Und eines Tages, als die Zeit gekommen war, geschah die Tragödie.


»Es verhielt sich so, dass der junge Fürst des Landes sich in eine junge Frau verliebte, die Tochter eines Hohepriesters, der sich seinem Dienst verschworen hatte. Die Kirche dieses Priesters hatte ein altes Abkommen geschlossen, immer den weltlichen Herrschern zu dienen und sich niemals selbst zu führen, sodass ihre eigene Macht nie auf die Angelegenheiten des Landes übergreifen möge. So kam es, dass das Herz des Priesters zerrissen war, denn seine Tochter hätte ihm nachfolgen sollen, was sie nicht konnte, wenn ihr das Herz und somit das Gehör des Fürsts gehörte. Und als der Fürst um ihre Hand bat und sich nicht zurückweisen ließ, fügte er sich, aber insgeheim verfluchte er seinen Lehnsherrn auf das Schrecklichste, auf dass er für alle Zeit verlieren sollte, was immer er am meisten begehrte; dass er es suchen und niemals finden sollte. Nun, Hass und Liebe sind vergänglich, sie wachsen und schwinden, wie alles Natürliche, aber ein Fluch, mit solcher Bestimmung gesprochen, hat Macht, sollten die richtigen Ohren ihn hören. So kam es, dass des Priesters Wunsch erfüllt wurde – aber nicht so, wie er es sich erhofft hatte.«


An diesem Punkt schnaubte einer der Männer, die aufmerksam zugehört hatten. Er lächelte, aber sein Ausdruck sprach mehr von Belustigung und Geringschätzung als von echtem Interesse. Als der alte Mann innehielt, um sich einen Zug von seiner Pfeife zu gönnen, murmelte er leise: »Schöner Priester ist das, der so seinen Eid verrät.« Sein Begleiter, dessen Gesicht ich in den Schatten nicht erkennen konnte, lehnte sich zurück und antwortete: »Welchen Eid? Den seines Ordens oder den seines Herzens?« Der Gesichtsausdruck des verächtlichen Mannes verbitterte sich bei diesen Worten und er warf seinem Gefährten einen ärgerlichen Blick zu. Der alte Mann beobachtete die beiden, anscheinend nicht abgeneigt, sie ihren Streit ausfechten zu lassen. Seine Frau aber funkelte sie an, fasste die weißen Roben des verächtlichen Kerles und alles, was sie von seinem Freund sehen konnte, in die blitzenden Augen. »Ihr sollt beide noch Eure Chance bekommen, Eure Geschichten zu erzählen, keine Sorge! Wir werden sehen, wer dann das letzte Wort hat.« Ihre Stimme war wie der Rest von ihr, voller Spannung und zurückgehaltener Kampfeslust. Ich versuchte zu erahnen, welchem der beiden sie den Vorzug gab, aber ihr Ärger schien den streitlustigen Reisenden in gleichem Maße zu gelten. Damit ließen die beiden die Sache auf sich beruhen und gaben sich damit zufrieden, den alten Mann reden zu lassen.


»Denn der Priester, der alten Sitten unkundig, hatte angenommen, der tiefste Wunsch seines Fürsten sei seine Begierde nach der jungen Frau, nicht wissend, dass sein Bund mit dem Land für alle Zeiten in seiner Seele an erster Stelle stand, selbst wenn sein Kopf abgelenkt sein mochte. Die junge Frau vergiftete ihren fürstlichen Mann durch einen Unfall, obwohl man munkelte, es sei Absicht dahinter gewesen, und er verlor sein Verwalteramt im Tode. Sein vorbestimmter Erbe – kein Kind von ihm, aber solche Unterscheidungen kümmerten das Land wenig – fand sich ein, konnte aber nicht an das Land gebunden werden, wie es Brauch war. Und ohne die Autorität dieser Bindung konnte er keinen Frieden zu den Menschen oder den Geistern des Landes bringen und kam bei dem Versuch um. An einen verfluchten Leichnam gebunden, war das Land dem Untergang geweiht. Pest und Hungersnot traf das Volk. Eilig verließen sie das Land, sodass nur einige wenige, die den Geistern des Landes am nächsten waren, zurückblieben und sich mühsam durchschlugen.


»Aber der Fluch behielt noch immer seine Macht und der Tod des Fürsten reichte nicht aus, ihn zu befriedigen. Er kehrte zwei Jahrzehnte später zurück, auferstanden aus seinem Grab, alterslos und strebend, sein Land zurückzugewinnen und sein Leid zu beenden. Es war der erste von vielen solchen tragischen Versuchen. Am Hof seines Lehensherrn verlangte er, als wahrer Erbe des Landes wieder eingesetzt zu werden, das in der Zwischenzeit ohne Herrscher brachgelegen hatte. Der Fluch erlaubte ihm diesen Erfolg aber nicht und er wurde Opfer einer höfischen Intrige, hingerichtet vor den Augen der Götter und der Menschen. Seit dieser Zeit kehrte der ruhelose Fürst alle zwanzig Jahre zurück und versuchte, sein Land für sich zu beanspruchen, und scheiterte jedes Mal an verfluchten Umständen, ohne jemals den Grund für seine Tortur zu erfahren. Endlich traf er einen alten Mann, der viel über seinen Fluch zu wissen schien – ein Orakel vielleicht, möglicherweise auch eine Erscheinung des Gottes der Kirche in dem Versuch, zu berichtigen, was der Priester verdorben hatte.« Der verächtliche Mann schnaubte an diesem Punkt wieder, sagte aber nichts. »Seinem Rat folgend, begann der Herrscher, die Lehren und Mächte der Kirche zu studieren, entschlossen, seinen eigenen unnatürlichen Kreislauf zu durchbrechen. Er befand, dass der beste Weg, seinen Fluch zu besiegen, darin lag, sein Land dem Einfluss der Kirche zu entziehen, ihre Repräsentanten zu vernichten und ihren Griff um das Land zu schwächen – ein einfaches Unterfangen, denn nach einem Jahrhundert des Leidens waren nur noch zwei Priester auf dem verseuchten Fleckchen Erde zu finden. Er holte sich Hilfe von den wenigen, die noch hier lebten und die den alten Sitten treu geblieben waren. Sie waren willens zu helfen, überzeugt von der Herrschaft seiner alten Bindung, aber sagten ihm, dass die wenigen einfachen Leute, die noch im Land lebten, sehr abhängig waren von den Priestern für Medizin und Beistand. Nicht bereit, sein Volk leiden zu lassen – Kindeskinder derer, über die er zuletzt offiziell geherrscht hatte – schmiedete er einen Plan, wie er die Priester vertreiben könnte, ohne dabei Schaden anzurichten.


»Einmal mehr aber wirkte der Fluch gegen ihn. Das Königreich, dem sein Land die Lehnstreue schuldete, bekam einen neuen und unternehmungslustigen König. Ein junger Hauptmann der königlichen Armee war ausgesandt worden, das Land zu kolonisieren, das für so lange Zeit so leer geblieben war. Dokumente waren zutage gekommen, die bezeugten, dass der verfluchte Herrscher vor seiner Ehe einen Bastard gezeugt hatte, und dieser Hauptmann war sein Nachfahre – und nichts davon wusste er. In seinen Augen war der Hauptmann nichts als ein Emporkömmling, der ihm sein Land nehmen wollte, und zu allem Überfluss ein strenggläubiger Schirmherr der Kirche, die ihn so verflucht hatte, noch dazu. Sich im Zugzwang fühlend, begann der Herrscher Pläne zu schmieden, um diesen Prätendenten und die Priester zu vertreiben – notfalls mit Gewalt. Er setzte seine Leute darauf an die Priester von seinen Ländereien zu entfernen, ohne ihnen zu schaden, was sie veranlasste einen der jungen Priester zu entführen und grob aus dem Land zu vertreiben. In der Zwischenzeit infiltrierte er selbst die Expedition des Hauptmanns, um seine Stärke einschätzen zu können und sich für den anstehenden Kampf vorzubereiten. Wenn die Dinge ihren vorherbestimmten Gang gegangen und dem Fluch gefolgt wären, wäre der alte Herrscher mit Sicherheit in dieser Auseinandersetzung von seinem Nachfolger umgebracht worden, und der neuaufstrebende Herrscher wäre, aufgrund seiner fehlenden Bande zum Herrschaftsgebiet, daran gescheitert fortlaufend zu regieren. Glücklicherweise befanden sich aber unter der Gefolgschaft des Hauptmanns einige kluge Kameraden, sodass der alte Herrscher einen Wert darin sah, sie für die eigene Sache zu gewinnen. Als Gegenleistung gab er, in der Nacht, bevor die Expedition mit ihrer Arbeit im neuen Land beginnen sollte, etwas von seinem wahren und guten Charakter Preis. Sie hatten ihr Lager bei den gebrauchsfähigen Ruinen der kleinen und ehemaligen Residenz des Herrschers aufgeschlagen, welche dieser zusammen mit seiner Frau in den wenigen glücklichen Tagen ihrer Ehe, vor dem Einsetzen des Fluchs, bewohnt hatte. Diese Ruinen waren als die letzte verbleibende Kirche der Priester geweiht worden, welche der alte Herrscher so eifrig zu verdrängen gesucht hatte – nur einer von ihnen war noch immer vor Ort.«


» Viel passierte an jenem Ort, und die Geschehnisse wiederzugeben ist schwierig. Einiges ist Teil größerer Erzählungen, und einige davon sind selbst noch zu erzählen. Es sei jedoch gesagt, dass sich der alte Herrscher in jener Nacht davonstahl, nachdem er unter dem Deckmantel der Tarnung mit denjenigen gesprochen hatte, die gekommen waren, ihn von der Macht zu verdrängen. Am nächsten Mittag kehrte er zurück und befahl, dass der übriggebliebene Priester und der Hauptmann ihm das Land zu überlassen hatten, sowie im Verlauf einer Sonnenbahn zu verbannen waren. Und als Untermauerung seiner Drohung nutzte er sowohl die Stärke von denen, die den alten Wegen folgten, als auch eine alte Kraft des Landes. Aber diejenigen, welche in der vorherigen Nacht mit ihm gesprochen hatten, wunderten sich über diesen Zug, und ersonnen die tieferen Gründe hinter den Vorkommnissen zu entschlüsseln. Sie sprachen mit dem Priester und durchsuchten die Dokumente. Der Fluch und die Masse der Leiden des Landes ließen sie Visionen von der Vergangenheit des alten Herrschers sehen, von dem gefallenen Priester, welcher ihn verflucht hatte, und von seinem eingeschlagenen Pfad, den er gewählt hatte, diesen zu brechen. Über einige diese Visionen kann ich nicht sprechen, da sie nicht Teil dieser Erzählung sind, aber über einen größeren, seine Spuren hinterlassenen Krieg, der mit dieser Geschichte verflochten ist.« Ein zufriedenes Grunzen kam von dem verächtlichen Mann und seinem Kameraden aus dem Schatten; beide stimmten ausnahmsweise einmal überein.

 

»Aber ihre Suche führte sie schlussendlich zur eigentlichen Quelle des Fluchs, einem Spiegel, in welchen der Priester vor einem Jahrhundert sie schicksalhaften Worte gesprochen hatte. Diesem Spiegel nun, gehalten vom eigens formulierten Fluch, wohnte ein Überbleibsel eben jenen Priesters inne. Er vergiftete die Herzen all jener, die mit dem jungen Hauptmann reisten und wiegelte sie gegen eine friedvolle Lösung des Konflikts auf, in einem erneuten Versuch den Sieg des Fluches zu beschleunigen. Sogar als der alte Herrscher zustimmte, mit ihm zu sprechen, verwandte er Wortspiele, um seinen Erzfeind vor Wut rasend zu machen, ihm diese aber gleichzeitig zu vergeben – und das alles, um die Sympathie des jungen Hauptmanns sowie seiner Gefolgsleute zu gewinnen und sie gegen seinen Feind aufzuhetzen. Eine Auseinandersetzung schien unausweichlich. Nur die Kameraden des Hauptmanns, die den Intentionen des Priesters misstrauisch gegenüberstanden, wandten sich davon ab. Sie setzten all ihr Wissen von den ihnen zugänglichen Quellen zusammen, bedachten Visionen und Gespräche mit dem alten Herrscher sowie die Aussagen des gefallenen Priesters selbst, und kamen schließlich, mithilfe von Beobachtungen einiger unnatürlicher Phänomene, die nicht weit entfernt des Spiegels auftraten, welcher den Priester beheimatete, zu dem Ergebnis, dass der wahre Feind eben dieser Priester sei. Als das Ultimatum des alten Herrschers abgelaufen war und er herbei kam den jungen Hauptmann unter Zwang zu vertreiben, waren sie in der Lage einzuschreiten und durch ihr Wissen viel Blutvergießen zu verhindern, auch wenn der junge Priester dennoch den gespannten Schwertern des Gefolges des alten Herrschers zum Opfer fiel. Die drohende Niederlage seines Fluchs spürend, versammelte der gefallene Priester gestürzte Verbündete des Spiegels und bemühte sich noch mehr Konflikte zu verursachen. Aber schlussendlich wurde er geschlagen, wenn auch nicht zerstört.«


»Pah!« sagte der Mann im Schatten. »Gefallen oder nicht, das ist eine Frage der Perspektive. Kann ein Mensch dafür beschuldigt werden, seinem Herzen gefolgt zu sein? Ist es nicht gerade oftmals jene Weisheit, die man aus der Buße seiner Sünden gewinnt, die das durch die Sünden verursachte Übel wieder wett macht? Dieser ‚gefallene‘ Priester, den du beschreibst, scheint mir schlecht weggekommen zu sein.« Sein Freund wandte sich zu ihm um, einmal mehr bereit mit ihm zu diskutieren, aber der alte Mann hob seine Hand und bat um Ruhe. »Ich bitte euch, einen Moment noch, und meine Geschichte ist zu Ende. Ich werde sie euch zur Diskussion überlassen, sobald ich fertig bin.« Und abermals lehnten sich die Leute am Feuer gemütlich zurück und lauschten der Erzählung.


»Im Kampf gegen den gemeinsamen Feind, gewannen der alte Herrscher und der junge Hauptmann ein gewisses Maß an Bereitschaft, mit dem jeweils anderen zu sprechen. Verblüfft von der Menge des Wissens, die die Freunde des Hauptmanns über seinen Zustand sammeln konnten, stimmte der alte Herrscher zu, den Mantel der Herrschaft in Einklang mit den alten Gesetzen an den jungen Hauptmann weiterzureichen, wenn er für auch nur einen Moment wiedereingesetzt werden konnte. Seine Begleiter willigten ein, den jungen Hauptmann in seine Verantwortungen als Bundespartner des Landes einzuweisen, und der Hauptmann wiederum schwor in Allem sein Bestes zu tun, sei es als Herrscher oder Bundespartner. Und schon an jenem Tag wurde der Vertrag mit der alten Macht geschlossen, und ein Jahrhundert voll Leid endete für das Land. An diesem Punkte hätte die Geschichte enden können, und doch tat sie es nicht. Aber den Rest zu erzählen steht mir nicht zu, zumindest noch nicht.«


»Siehst du es denn nicht? Ohne diesen gefallenen Priester wäre es gar nicht zu solch einer Lösung gekommen! Man braucht immer einen Sünder, sei es auch nur um gegen ihn aufzubegehren.« Der Klang in der der Stimme des Schattenmannes war ein bisschen selbstzufrieden. »Du übersiehst jedoch die Tatsache, dass es überhaupt keinen Konflikt gegeben hätte, wäre der Sünder nicht gewesen!«, antwortete sein Kamerad scharf. Sie hätten sicherlich noch weiter gestritten, wären sie nicht von einer neuen Stimme unterbrochen worden.


»Deine Geschichte ist noch nicht ganz zu Ende, alter Mann.« Der Wächter der Karawane, ein leicht übergewichtiger Mann mit dunklen Haaren, saß abseits und reinigte sein Schwert. »Du hast vergessen zu erwähnen, ob der junge Hauptmann gut regiert hat, ob sich das Los der Menschen durch ihn verbessert hat. Ist das nicht der Sinn solcher Geschichten, dass die Menschen am Ende in Wohlstand leben?«


Ich sah mich um und konnte sehen, dass jeder der Anwesenden eine Antwort auf diese Frage hatte, aber es sah nicht so aus, als würden auch nur zwei von ihnen übereinstimmen. Der herablassende Mann und sein schattiger Kollege lehnten sich beide in purer Erregung nach vorne, während die Frau des alten Mannes den Karawanenwächter mit offener Verachtung anstarrte. Dennoch überließen sie es dem alten Mann zu antworten. »Ist es so? Haben solche Geschichten einen Sinn? Ist es nicht ihre Natur wieder und wieder zu geschehen, so wie es die Natur der Herrschenden ist gut zu sein, dann schlecht und dann wieder gut? Oder die Natur des Menschen abwechselnd zu gedeihen und dann wieder einzugehen?« Niemand schien in irgendeiner Weise glücklicher mit dieser Antwort zu sein, als sie es mit den Worten des Karawanenwächters gewesen waren; aber der alte Mann lächelte trotzdem jeden in der Runde an. »Um deine Frage zu beantworten: nein. Das Schicksal der Menschen wurde danach nur noch schlimmer, obwohl man Gegenteiliges hätte vermuten können. Aber das ist nicht Teil der Geschichte. Es ist ihr Konflikt, nicht meiner.« Und er schaute die anderen am Feuer an, das einfache Lächeln noch immer auf seinem Lippen.

Opfer der Flammen

Für einen Moment befürchtete ich, dass der angestrebte Frieden des Abends augenblicklich enden würde. Die Geschichte des alten Mannes war interessant gewesen, aber die Fragen, die sie bei meinen Reisegefährten geschürt hatte, verlangten nach Antworten. Gerade jetzt schien es so, als wäre ein jeder gewillt die anderen für eine solche zu bekämpfen. Aber der sich anbahnende Streit wurde durch den Mann in Weiß zerstreut, dessen Worte wie ein Schwert durch die angespannte Atmosphäre schnitten. »Auch ich hätte eine Geschichte zu erzählen, wenn wir uns die Zeit ein bisschen schneller vertreiben wollen. Ist jemand interessiert?«


Die anderen beruhigten sich nach seinen Worten und lösten sich von ihrem Konflikt. Anstelle dessen richteten sie ihre Aufmerksamkeit auf ihn. Der alte Mann schien so unbekümmert von seiner Umgebung zu sein wie zuvor, während seine Frau in ihre gewöhnliche, angespannte Wachsamkeit versank. Der Wächter der Karawane entspannte sich und nahm die Politur seines Schwertes wieder auf. Der schattige Mann lehnte sich noch weiter in die Dunkelheit zurück und etwas an der Haltung seiner Schulter suggerierte mir, dass er lächelte. »Fahre fort, Bruder. Es wird uns wie immer ein Vergnügen sein.«


Der Mann in Weiß blickte flüchtig zu ihm herüber, zum ersten Mal ohne Verärgerung. »Nun gut. In meiner Geschichte geht es um ein Land, das dem beschriebenen aus eurer Erzählung recht ähnlich ist, alter Mann. Ob es nun das gleiche Land oder ein anderes ist, macht darüber hinaus keinerlei Unterschied. Es genügt zu sagen, dass dieser Ort lange ohne einen Herrscher hatte leiden müssen, aber schließlich einen Mann gewonnen hatte, der gut war und zu seinem Wort stand. Dieser Mann, der, nach der Entdeckung seiner illegitimen Abstammung von dem vorherigen Herrscher des Landes von seinem König in den Adelsstand gehoben worden war, hatte seinen Platz als Fürst nur ein Jahr vor dem Einsetzen meiner Geschichte eingenommen. In der verfluchten Zeit vor seinem Aufstieg war viel Wissen über das Land verloren gegangen und nur wenig war bekannt über die Menschen, die in ihm lebten. Die Dörfer waren umgezogen oder verlassen und ihre Zahl war schwer einzuschätzen. Nur einige wenige Karten existieren, und die, die noch zu gebrauchen waren, waren über Jahrhunderte oder mehr veraltet. Um seinen Leuten zu helfen, musste der junge Fürst zuerst herausfinden, wer und wo sie waren.«


»Aber dieses noble Ziel sollte nicht erfüllt werden. Schon bald nach seinem Aufstieg hörte der junge Fürst von schrecklichen Gerüchten über einen unbekannten Feind, der sich durch seine Gefilde bewegen sollte. Seine Leute wurden von einer gesichtslosen Armee massakriert und niemand wusste warum. In Abwesenheit einer eigenen Streitkraft und ausreichendem Wissen über die eigenen Lande, um diesen Feind effektiv bekämpfen zu können, wurde der Fürst verzweifelt. Sein König war nicht gewillt, ihn mit weiteren Ressourcen auszustatten, da die Kosten für den Wiederaufbau seines Landes bereits hoch genug waren und wenig Mut zur Hoffnung auf Wiedererstattung machten. Er appellierte an Söldner und alte Verbündete, ihm zu helfen, unter jenen solche, die ihm vormalig geholfen hatten an die Macht zu kommen. Sein Plan war es, die verstreuten Menschen in die Landesmitte zusammenzuziehen und dort die Flüchtlinge mit Hilfe zu versorgen. Indem er so die unmittelbare Gefahr von Tötungen eindämmte, könnte er seine Kräfte zusammenziehen und schlussendlich die weiteren Ecken seines Reiches von denjenigen reinigen, die für Qual seiner Untertanen verantwortlich waren. Er beabsichtigte seine Leute zu verteidigen und zu heilen, und schließlich ihre Pein zu rächen.« Der Mann im Schatten bewegte sich geringfügig, sagte aber nichts. »Er sandte Kundschafter in die gefährdeten Teile des Landes, um die Menschen zu warnen und sie vorzubereiten. Sie hatten ihre Heime zu verlassen und sich in den versteckten Lagern der Söldner einzufinden, um dort Hilfe zu empfangen und anschließend in die sichere Landesmitte eskortiert zu werden. Sowohl ihnen, wie auch allen Flüchtlingen, die den Metzeleien entkommen waren, wurden die geheimen Wegmarkierungen beigebracht, denen sie zu folgen hatten.«


»In meiner Geschichte geht es nun genau um ein solches Lagern. Dieses Lager war von einem erfahrenen Ritter des Reiches gegründet worden und wurde nun von eben jenem geführt. Er war einer der alten Kriegskameraden des Fürsts und Befehlsherr seiner eigenen Männer. Er hatte geschworen, die vertriebenen Menschen zu beschützen und sie vor dem unbekannten Feind zu verstecken. Obwohl die meisten seiner Gefolgschaft mit ihm in diesem Schwur übereinstimmten, gab es dennoch einige von weniger reiner Motivation. Die ersten Auseinandersetzungen um die Macht begannen früh im Lager, als einige Krieger unter seiner seinem Kommando beschlossen, seine Autorität zu ignorieren und lieber ihre eigenen Wege zu gehen, womit sie ihren eigenen Eid brachen. Es sollte sich bald herausstellen, dass dieser Verrat viele Unschuldige zu einen unverdienten Tod verdammen sollte.«


»Der Ritter wusste, dass die Entdeckung durch den Feind mit dem Tode gleichkam – ihre Zahlen waren zu übermächtig für eine solch kleine Gruppe, um ohne vernünftige Befestigungen zu kämpfen. Aus diesem Grund etablierte er eine Doktrin des Schweigens im Lager. Seine Gefolgsleute durchkämmten die Areale um das Lager, um die Menschen mit Nahrung zu versorgen. Und langsam, den geheimen Zeichen folgend, die der Ritter angeordnet hatte aufzustellen, fingen die Leute an, sich im Lager einzufinden. Sie hatten ernsthafte physische Verletzungen von der Flucht davongetragen, aber schlimmer noch waren die seelischen Wunden. Einige waren verschlossen, einige wütend und wieder andere angsterfüllt. Sie erhielten Nahrung und eine medizinische Grundversorgung, aber die Unruhe im Lager hielt den Ritter davon ab, sie mit weiterem zu versorgen. Seine Söldner wären zahlenmäßig in der Lage gewesen das Camp zu bewachen, nach Zeichen des Feindes Ausschau zu halten und sich um die Flüchtlinge zu kümmern, aber viele verweigerten sich seinen Anweisungen Folge zu leisten. Er war gezwungen den Menschen Ressourcen vorzuenthalten, um die Sicherheit des Lagers gewährleisten zu können. Selbst nachdem sich eine arme Seele aufgehängt hatte, sahen einige der dümmlichen Söldner noch immer nicht die Notwendigkeit von Eintracht und verlangten auch weiterhin ihre Unabhängigkeit. In der Zwischenzeit waren Zeichen von Pest unter den Flüchtlingen entdeckt worden. Ein solcher Zustand herrschte also, als die Geister des Landes dem angeschlagenen Ritter und seinen loyalen Gefolgsleuten ihre Hilfe anboten, welcher dieser glücklich annahm, ohne von den möglichen Kosten zu wissen.« Ich lunzte zu dem alten Mann und seiner Frau. Er war nach hinten gelehnt, mit geschlossenen Augen, und lauschte friedvoll der Geschichte. Im Gegensatz dazu umspielte ihre Lippen ein kampfeslustiges Lächeln, während sie den Mann in Weiß anstarrte. Ich erschauderte.


»Eine Dame, eine Art von See-Geist, tauchte vor ihnen auf und gab ihnen ein Flakon. Dieser Flakon war hilfreich bei der Zubereitung einer Kur gegen die ersten Stadien der Pest, eine Kur, die einem gütigen Priester bekannt war, der sich dem Lager angeschlossen hatte, um zu helfen.« »Ein gütiger Priester? Ja, ohne Zweifel ein gütiger Priester,« unterbrach ihn sein schattiger Kompagnon. Und er fuhr fort: »Ja, du würdest das sagen. Ich würde ihn einen Veteranen nennen, einer, dessen Narben sein Talent für Gewalt preisgaben. Einer, der sich mit dem Preis für Sieg auskannte. Er wusste auch von der Wahrheit hinter dieser Kur, oder nicht? Eine Kur, die mit dem Tod erkauft wurde; Tod, von dem sich die Kirche ihre Hände in Unschuld wusch.« Der Mann in Weiß wandte sich ihm zu. Seine Stimme war sehr ruhig, gerade noch unter Kontrolle. »Ich werde solche Unterbrechungen nicht tolerieren. Was macht es für die Geschichte für einen Unterschied, woher die Kur kam? Der Priester überließ ihnen bereitwillig sein Wissen, und diejenigen, die den Schwarzen Pocken zum Opfer gefallen wären, taten es nicht. Aber indem sie den Wassergeist um Hilfe gebeten hatten, hatte das Camp unwissentlich weiteres Aufsehen auf sich gezogen. Ein weiterer Geist erschien auf der Bildfläche, unendlich dunkler. Es dürstete ihn nach Blut und er nahm es von den Unwilligen. Keine Waffe schien in der Lage ihm etwas anhaben zu können, aber schließlich gelang es den treuen Gefährten des Ritters mit ihm zu verhandeln. Sie sandten ihn in Richtung ihres gesichtslosen Feindes und hofften auf das Beste. Eine schwarze Tat, aber vielleicht gab es keinen anderen Weg.«


»War es denn dann solch eine schwarze Tat?« sagte sein Begleiter. »War sie es nicht am Ende, die die Zerstörung des Feindes herbeigeführt hat, als sich ihre Schwerter als nutzlos herausgestellt hatten und ihr Blut den Durst des Geistes gelöscht hat?« »Kein Mensch sollte solch ein Übel auf einen anderen lenken,« antwortete der Mann in Weiß schwer. Sein Kompagnon zog eine Augenbraue hoch, blieb aber still. »All dieses plagte das Lager und alldieweil liefen sie konstante Gefahr von den feindlichen Spähern entdeckt zu werden. Und in der Tat stolperten einige Patrouillen über sie, und nur den schnellen Reaktionen der Kämpfer des Camps war es zu verdanken, dass die Kundschafter vom Entkommen gehindert wurden, und so nie berichten konnten, wo sich die Lage ihres Aufenthaltsortes befand.«


»Dennoch wurden diese Erfolge bald zunichte gemacht. Denn ein größerer Geist als sämtliche zuvor erschien, eine Jägerin, die anbot den Ritter und seine Gefolgsleute zu einer Gruppe Flüchtlinge zu führen, welche in Gefahr schwebten von einer Truppe des Feindes gefangen genommen zu werden. Sie folgten ihr, aber kamen zu spät. Die Flüchtlinge waren tot, aber von dem Trupp des Feindes konnten sie einen Gefangenen nehmen, einen wilden Ziegenmann aus den Stämmen der Berge. Es war zu ihrem eigenen Leidwesen, dass sie die Stärke und Gerissenheit dieser Kreatur unterschätzten, denn als sie ihn alleine in Ketten zurückließen, schaffte er es sich loszureißen und eine gekonnte Flucht hinzulegen. Dies war ein weiterer Schlag für die Autorität des Ritters. Die letzte Hoffnung, dass die illoyale Gruppe von Söldnern am Ende doch noch seinem Befehl Folge leisten würden, zerschlug sich, als ein Magier, welcher mit besagter Gruppe gereist war, sein Versprechen an den Ritter, er würde das Lager mit seiner Magie beschützen, brach, und stattdessen wegteleportierte. Dieser Vertrauensbruch erschütterte die Söldner in ihrer Wahrnehmung vom Urteilsvermögen des Ritters. Und bereits Minuten nachdem die erste Gruppe von Flüchtlingen unter Eskorte der herrschaftlichen Späher in Richtung des Landesinneren aufgebrochen war, eskalierten ihre Beschwerden zu einer ausgewachsenen Meuterei. Da ihm sein Kommando enteignet worden war, blieb dem mutigen Ritter nichts anderes übrig, als alleine zu seinem Fürst zurückzukehren.«


»Diejenigen, die ihn vertrieben hatten, fühlten sich selbst als die besseren Kommandanten; aber es fehlte ihnen an der Weisheit des Ritters und dem Verständnis für die Situation. Als die Schatten des Zwielichts länger wurden, bemühten sie sich nicht darum ihr Lager zu verstecken, selbst obwohl sie wussten, dass die Hauptstreitkraft des Gegners in unmittelbarer Nähe an ihnen vorüberzog. Und ihr Schicksal war besiegelt als die feindlichen Soldaten auf ihr Camp stießen. Ob es der entkommene Ziegenmann gewesen war, der sie herbeigeführt hatte, oder ob es doch die eigene Arglosigkeit der Söldner war, die zur Entdeckung des Lagers führte, ist ungewiss. Einige munkeln sogar, dass es der Geist in Form der großen Jägerin gewesen sein soll – während sie ihnen zuvor noch geholfen hatte, war sie es nun, die den Feind vor ihre Haustür geführt hatte. Aber es obliegt nicht mir, dies zu erzählen.« Erneut schaute ich die Frau des alten Mannes an. Ihre Zähne blitzen weiß in ihrem Gesicht. Ihr Lächeln bestand zu gleichen Teilen aus Zorn und Freude. Schnell wandte ich meinen Blick ab, bevor sie bemerken konnte, dass ich sie beobachtete. »Zumindest waren die Söldner gute Kämpfer. Sie hielten das Lager während des ersten Ansturms, aber als die erste Kampfpause einsetze, bemerkten sie, dass sie keine Hoffnung auf Überleben hatten und flohen. Zurück ließen sie jedoch jene geheimen Wegzeichen, die die Menschen zu dem intakten Camp führen sollten. Der Feind ließ sie entkommen und besetzte ihre Position. So kam es, dass der Stolz einiger weniger Männer, die sich selbst besser rügten als ihren Schwur, so manch einen armen Bauern zu einem grausamen Tod verdammte; denn alle die, die nach jener Nacht ihren Weg zum Camp fanden, trafen in ihrer Hoffnung auf Hilfe auf die Klingen des Feindes.«


Es war Stille. Nach einer Weile seufzte der Wächter der Karawane und sagte: »Nun, das war makaber. Ich hätte ein glücklicheres Ende bevorzugt. Aber warum hat der Fürst denn seinen König nicht um Hilfe gefragt, wo doch eine feindliche Armee in seinem Reich ihr Unwesen trieb? Sein Lehnsherr hätte ihm helfen müssen, wenn er noch keine eigenen Truppen zur Verfügung hatte.« »Tatsächlich hatte er das getan. Er hatte um Hilfe gebeten, aber diese war zu langsam. Vielleicht gab es eine unvermeidbare Verspätung. Vielleicht ist ihm sein König in den Rücken gefallen. Es werden viele Versionen erzählt, aber das ist, was geschehen ist,« antwortete der Mann in Weiß.


Ich war ein wenig beunruhigt. Die Geschichte schien unvollständig gewesen zu sein, so als wäre mehr von statten gegangen als die Erzählung vom Lager hatte vermitteln können. Aber hatte nicht auch der alte Mann einige Details seiner Geschichte ausgelassen? Er hatte einen größeren Krieg erwähnt, der mit seiner Erzählung verwoben sei, jedoch nicht weiter darüber zu sprechen gewünscht. Vielleicht hatte auch diese Geschichte einige solcher Dinge beinhaltet; Fäden von anderen Bildteppichen. Es schien als ob sich mehr hinter diesen einfachen Erzählungen verbarg.

OpferDerFlammen

Kinder des Zorns

»Ich habe eine weitere, falls jemand daran Interesse hätte,« sagte der Karawanenwächter plötzlich, und durchbrach meine Gedanken. »Meine ist über ein Fest und merkwürdige Dinge, die sich dort zugetragen haben. Hoffentlich wird es nicht so düster zugehen, wie wir es gerade eben noch gehört haben.« Keine Einwände vernehmend, setzte er sich bequemer zurecht und begann zu sprechen. »Es war einmal ein junger Fürst, der zu Unglück verdammt war. Er hatte seinen Thron erst kurz zuvor bestiegen, aber bereits die ersten Jahre seiner Herrschaft waren schwierig gewesen. Eine Bande von Marodeuren hatte seine Leute beraubt, geplündert und ermordet; und wegen der einen oder anderen Sache besaß er kaum Männer und noch weniger Wissen über das Gelände, sodass er hätte ausreiten können, um sie aufzuhalten. Und obwohl der arme Bastard nicht viel tun konnte, hatte er doch ein paar andere Verbündete, die ein wenig mehr als menschlich waren. Er war durch magische Rituale an sein Land gebunden, und somit waren viele der Geister, die in seinen Landen lebten, gewillt ihm zu helfen. Und es war in der Tat einer dieser Geister, der mit den ersten Plünderern kurzen Prozess gemacht hatte. Sie waren komplett in die Flucht geschlagen worden, als organisierte Streitmacht praktisch zerstört. Einige wurden gefangen genommen und erzählten schreckliche Geschichten über wunderschöne Frauen, die über ihre Schwerter nur lachten und ihr Blut tranken.« Ohne sie anzusehen, konnte ich spüren, wie die alte Frau erneut lächelte.


»Der Fürst war also in der Lage gewesen seine Leute zu beschützen, aber diese waren nicht gerade dankbar für seine Tat. Denn Menschen glauben, dass von ihrem Fürst gerettet zu werden, eine Horde von glänzend gepanzerten Rittern als Befreiung bedeute – bluttrinkende Frauenzimmer sahen dagegen mehr nach einer Art von dunkler Magie, als nach der Hilfe ihres Fürsten aus, scheiß darauf, wie gute die Ergebnisse sein mögen. Als also seine Truppen eintrafen, um den Rest von ihnen zu erledigen, war es nicht überraschend, dass es einige unschöne Zwischenfälle gab. Der schlimmste Teil war jedoch, dass einige der Rebellen gar nicht von der schlechten Sorte gewesen waren. Sie waren hilfreiche Leute gewesen, die den neuen Siedlern beigebracht hatten die Felder zu bestellen, Straßen zu bauen und dergleichen. Wenn also die Soldaten deines Herren auftauchen, um den Mann zu töten, der deine Scheune errichtet hat, dann beginnst du dich unweigerlich zu fragen, ob dieser Herr zu etwas taugt.« »Gründe für Rebellion sind selten einfach. Und nach schwarz und weiß zu suchen ist ein Spiel für Narren,« sagte der Mann im Schatten, womit er sich einmal mehr einen stillen, aber stechenden Blick seines Bruders in Weiß einhandelte. Der Karawanenwächter ignorierte die Unterbrechung ganz einfach und fuhr mit seiner Erzählung fort.


»Der Fürst musste also feststellen, dass er mehr Truppen benötigen würde, um die Rebellen zu beschwichtigen, die er mit seinem ersten Bataillon ins Leben gerufen hatte. Aber es braucht Zeit, eine Armee auszubilden, und in all dieser Zeit würde es weiterhin Leute da draußen geben, die gegen ihn aufmucken würden, was natürlich ein gefährlicher Zustand war. Aus diesem Grund entschied er ein Fest und Bankett abzuhalten, um die heldenhaften Taten der letzten Jahre zu ehren – und es mag vielleicht komisch klingen, aber er lud alle und jeden zu diesem Festmahl ein. Um zu zeigen, dass man seine Untertanen wertschätzt, ist Essen grundsätzlich eine gute Wahl; und Menschen an die guten Dinge zu erinnern, die man in der Vergangenheit für sie getan hat, lässt sie einem wohlgesonnener gegenübertreten. Natürlich hätte er ohne Probleme mehr tun können, aber wie sich später herausstellte, zählte er ohnehin nicht zu den kompetentesten Herrschern.«


»Auf jeden Fall kreuzten viele Menschen bei dem Fest auf. Einige von ihnen waren Söldner und alte Freunde des Fürsten, andere waren Leute wie du und ich, die nur wegen des kostenlosen Mahls kamen. Es war ein ziemlich schöner Abend, diese erste Nacht, oder so sagt man. Viele Künstler, Feuer-Jongleure, ein Zelt voll mit seltsamen Kreaturen und Missgeburten, die man für ein wenig Geld bewundern konnte, und das wichtigste von allem: gutes Essen und Wein.«


»Aber während all dessen waren ein paar komische Dinge im Busch. Früh am Abend tauchte eine Gruppe Wandermusiker auf. Nun, dies ist an sich nichts Ungewöhnliches bei einem Fest, aber diese waren schlichtweg merkwürdig. Sie hatten diese Masken auf – einen Teufel, einen Schädel und ein gruselig grinsendes Gesicht – und sie nahmen sie niemals ab. Sie zogen eine Show ab, die einige Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Es ging um ein Königreich, das in den Bürgerkrieg zog, und viele der Dinge, die in dem Stück passierten, trafen ein bisschen zu genau die Geschehnisse, wie sie die Menschen von zu Hause her kannten. Und es gab ein Kind in der Aufführung, von dem sie wiederholt sagten, dass es höchstwichtig sei; ein Detail was im Nachhinein ziemlich interessant wurde.« Ich sah mich um. Plötzlich schien jeder den Worten des Wächters noch aufmerksamer zu lauschen.


»Ich weiß nicht, ob sie die Zukunft vorhersagten, oder ob sie für das verantwortlich waren, was schlussendlich passierte, oder ob sie einfach nur verrückt waren. Aber sie beendeten ihr Stück und verschwanden anschließend in die Nacht, anstelle an dem Ort zu bleiben, an dem es Essen und Leute gab, die sie hätten bezahlen können. Und sie wurden nicht wieder gesehen.«


»Aber es waren nicht nur sie. Dort gab es auch diesen Narren, der durch das Camp zog und die Leute zum Lachen brachte – daran ist doch nichts auszusetzen, oder? Außer dass die Leute, die zu sehr über ihn lachten schwächer wurden und fast starben. Zuletzt gelang es ihnen diesen Geist zu vertreiben, aber ich wette, dass zumindest einige Leute das Fest mit einer Angst vor Buntem verließen, mit der sie nicht gekommen waren. Wie dem auch sei. Später am Abend, als sich die Leute ganz und gar betranken, erkannte jemand einen der anderen Gäste. Es stellte sich heraus, dass er mit den Rebell-Soldaten zusammen gewesen war, die einige Dörfer zerstört hatten. Natürlicherweise liefen die Leute allesamt Sturm und knüpften ihn deswegen an dem nächstgelegenen Baum auf. Erneut ist dies vielleicht nicht so überraschend, bedenkt man, was der Mann getan hatte; mit der Ausnahme, dass einer der Leute, die ihn hängten, einer von den höchstgestellten Rittern des Reiches war. Nun, Ritter sind nicht gerade bekannt dafür, Selbstjustiz vor ihren Augen geschehen zu lassen; und insbesondere dieser, betrunken oder nicht, hätte normalerweise nie so etwas getan.« Die Missbilligung des Karawanenwächters war seiner Stimme eindeutig zu entnehmen. »Es wurde schlimmer und schlimmer – komische Dinge mit schrecklichen, Tentakel-versehenen Gesichtern wurden von einigen in dieser Nacht gesehen – natürlich waren es vielleicht aber auch nur Albträume gewesen.« »Beurteile nie ein Buch nach seinem Einband,« murmelte der Mann im Schatten. »Selbst nicht solche Bücher, deren Titel deutlich ihren düsteren Inhalt zeigen?« entgegnete sein Kamerad. Der Wächter der Karawane bedachte jeden von ihnen mit einem Blick; dann fuhr er fort.


»Am nächsten Tag wurde es sogar noch interessanter. Die Leute fingen an, sich sehr schnell sehr verärgert zu fühlen, und wurden manchmal sogar brutal. Es stellte sich heraus, dass die Monster mit den Tentakeln an eine Art von magischem Spiegel gebunden waren, sodass es für eine Zeit lang besser aussah, als ein erfahrener Priester vor Ort die Führung in die Hand nahm, um den Spiegel zu zerstören.« Bei der Erwähnung des Spiegels lächelte der Mann in Weiß in sich hinein, während sein Kompagnon wie vom Schlag getroffen zuckte. »Selbst als einige sehr furchteinflößende und mysteriöse Männer mit merkwürdigen Tätowierungen versuchten den Priester umzubringen, verteidigten ihn die anderen Helden, die vor Ort waren, und der Spiegel wurde zerbrochen. Und obwohl keinerlei weitere komische Kreaturen anwesend waren, verhielten sich die Menschen dennoch unnatürlich reizbar.«


»Während fortschreitender Stunde, trafen verrückte Leute im Festlager ein. Sie schienen so wütend zu sein, dass sie sämtliche Kontrolle verloren hatten, wie eine extremere Version von dem, was sich im Camp selbst abgespielt hatte. Sie attackierten die anderen Menschen wie toll und da sie keiner zu beruhigen vermochte, wurden sie schließlich von den Wachen und den Kämpfern im Lager von ihrem Leid erlöst. Aber keiner wusste was geschah, bis ein sehr mächtiger Geist erschien. Sie war eine Jägerin und wollte ihren närrischen Diener für das bestrafen,was er den Leuten in der Nacht zuvor angetan hatte. Als sie dies getan hatte, warnte sie die Menschen im Camp noch vor einem anderen Geist dort draußen, welcher ihr nicht diente, der jedoch sehr gefährlich für Sterbliche war.«


»Es schien, dass dieser andere Geist aus Zorn gemacht war, und dass sich Leute, die sich zu lange zu sehr in ihrer Nähe aufhielten, zunehmend wütender fühlten. Schlussendlich wurden sie verrückt vor Wut. Offensichtlich war dies der Grund dafür, warum wütende Emotionen im Lager so am Köcheln gewesen waren. Aber es gab noch mehr – der Zornesgeist hatte ein magisches Kind gefunden. Nun, dieses Kind war wie jedes normale Kind, nur reifte es um einiges schneller vom Baby zum Manne. Überdies besaß das Kind eine starke Magie. Die Jägerin wollte nun nicht mitansehen, wie ein unschuldiges Wesen wie dieses von einem bösen Geist der Wut verletzt würde, weswegen sie die Menschen bat das Kind zu retten, damit sie es nehmen und seinen Geist heilen könnte. Man könnte sich fragen, warum ein solch gewaltiger und mächtiger Geist dies nicht einfach selbst tat, aber sie war gebunden und deutlich geschwächt. Das ist jedoch eine andere Geschichte.« Die alte Frau lehnte sich erneut nach vorne. Ihre Schultern waren ruhig, aber sie schien angespannt und jederzeit zum Sprung bereit. Ihr Mann neben ihr blieb zufrieden untätig.


»Wie ihr euch sicher erinnert, war der Fürst noch immer da, aber wie sich herausstellte war er alledem nicht gewachsen. Und es ist nie gut, wenn ein Mann, der die anderen führen muss, selbst keinen Arsch in der Hose hat. Also organisierten die Soldaten und Helden sich selbst und beschlossen, das Kind vor den Fängen des Zornesgeistes zu retten. Das Problem war nur, dass der Geist ziemlich mächtig war, und niemand so wirklich wusste, wie man sie vernichten konnte.«


»Bevor sie jedoch dieses Problem hätten lösen können, tauchte ein Fremder im Lager auf, der sie darum bat das Kind nicht zu retten. Seine Version der Geschichte war, dass der Wut-Geist zwar die ihr nachgesagten Fähigkeiten besäße, sie diese jedoch nicht kontrollieren könnte. Sie selbst war eine sanfte Seele und verdiente nicht den Tod. Er wusste dies, weil er in der Lage gewesen war, ihren Kräften zu widerstehen und sich in sie verliebt hatte. So wie er es erzählte, war alles was sie wollten, von den anderen Menschen wegzubleiben, damit niemand verletzt würde. Der einzige Grund aus dem sie überhaupt so nah am Festgeschehen waren, war der, dass sie beide neugierig und ein bisschen einsam gewesen waren, sodass sie am Abend zuvor nur ein wenig zuschauen wollten. Dann jedoch hätten sie ein Baby gehört, dass alleine in der Dunkelheit schrie. Es schien, dass das Schicksal auf sie herablächelte und sie zu einer kleinen Familie machte. Das Baby war in jedem Fall zu klein und unschuldig gewesen, um aus Versehen von seiner neuen Mutter verletzt zu werden, und da sie es nicht riskieren wollten das Kind zu bewegen, ehe sie sich sicher waren, dass es richtig gesund war, wären sie zu nahe am Camp geblieben – nur dies sei der Grund gewesen, weswegen die Anfälle von Wut im Lager aufgetreten seien.«
»Er flehte sie an, seine Familie einfach in Frieden ziehen zu lassen. Das Baby wuchs bereits heran, so schnell wie die Jägerin gesagt hatte – er war schon ein Knabe, aber in seinem Kopf war er noch immer ein Kind. Er hatte zusätzlich begonnen, Zeichen seiner anderen Künste zu zeigen, aber ihn jetzt von seiner Mutter wegzunehmen, wäre eine schrecklich grausame Tat gewesen. Dennoch glaubten die Helden des Camps, dass es womöglich noch grausamer wäre, das Kind mit einem Zornesgeist als Mutter aufwachsen zu lassen, weswegen sie aufbrachen, um den Jungen zu retten.«


»Das erste Mal, dass sie es versuchten, scheiterte kläglich, denn sie fingen sogleich an sich gegenseitig zu bekämpfen, als sie die Mutter und das Kind gefunden hatten. Denn in ihrer Nähe war die Wut am stärksten, und sie Leute wurden bereits bei dem kleinsten Anlass aggressiv. Gleichzeitig wollte das arme Kind nicht von der einzigen Mutter weggenommen werden, die es kannte, weswegen der Junge sein Bestes tat, um dies zu verhindern. Ein normales Kind hätte nun nichts gegen die Leute ausrichten können, die versuchten es wegzunehmen, aber dieses hier war besonders. Nur aufgrund der Kraft seines Wunsches bei seiner Mutter zu bleiben, kamen die Toten selbst zum Leben und begannen für den Jungen zu kämpfen. So wurden die Helden ins Lager zurückgedrängt. Aber die Jägerin wartete dort bereits auf sie und verriet ihnen die einzige Schwäche des Wut-Geistes – Waffen geschwungen von Händen, die der heilenden Künste mächtig waren.«


»Diese kleine, zusammengewürfelte Familie wollte unterdies bloß in Ruhe gelassen werden, weswegen sie zum Camp herunterkamen, um Frieden zu schließen und erneut darum zu bitten, einfach gehen zu dürfen. Aber mit ihrem neuen Wissen der Jägerin gelang es den Helden, die Kontrolle über sich lange genug zu behalten, um den Geist des Zorns zu vernichten. Als ihr Ehemann dies sah, brach er zusammen. Er erzählte seinem Sohn, dass er ihn nun verlassen müsste, sonst brächten ihn die bösen Menschen jetzt um; dass er jedoch keine Angst zu haben brauchte, da die bösen Menschen sich um ihn kümmern wollten. Dann stand er auf und schwor Rache all denen, die ihn dazu zwangen, sein Kind zurückzulassen oder vor dessen Augen hingerichtet zu werden. Dann ließen sie ihn ziehen. Vielleicht krankten sie noch zu sehr daran, eine Mutter vor ihrem Sohn zu getötet zu haben, um ihn jetzt aufzuhalten.«


Ich sah mich abermals um. Nur wenige der anderen schienen Interesse an der Tragödie dieser unglückseligen Familie zu haben, aber sie hörten aufmerksam zu, als der Karawanenwächter über das Kind zu sprechen begann. »Nun, dieser Junge hatte zusehen müssen, wie seine Mutter starb und wie sein Vater ihn mit einem finalen, liebevollen Lebwohl zurückließ. Ein jedes armes Kind wäre aufgewühlt gewesen, aber dieses hier hatte mehr Macht als die meisten, was sein Aufgebracht-Sein zu etwas machte, was besser ernstgenommen werden sollte. Er fügte den Helden – wenn man sie denn noch immer so nennen konnte – an jenem Ort so manche Pein zu, insbesondere denen, die gegen seine Mutter gekämpft hatten, aber schlussendlich war er eben nur ein kleiner Junge, der nun alleine in der Welt war. Als daraufhin also einige der friedvolleren Leute versuchten ihn zu beruhigen, ließ er es schließlich zu; wie jedes Kind, das seine Trauer ausgeweint hat und bereit ist, einzuschlafen. Am Morgen nach dem Tod seiner Mutter kam er dann bereits aus freien Stücken zum Festgelände; zwar ausgelaugt, aber das wäre wohl jeder gewesen, dessen Welt komplett auf den Kopf gestellt worden ist.«


»Aber natürlich war da noch mehr als nur die Gefühle des Jungen, die bedacht werden wollten. Das Kind war ein fast unbeschriebenes Blatt mit einer ganzen Menge Macht. Selbstverständlich wollte ihn ein jedermann fördern, damit sie ihn - und nicht zu verdenken seine Macht – nach ihrem Verständnis von Richtigkeit formen konnten. Der Fürst bot an, ihn als einen Adoptivsohn und Knappen aufzunehmen, und mit Luxus, Sicherheit und vielerlei schönen Dingen auszustatten. Natürlich konnte es auch nicht schaden, ein Kind wie dieses als Knappen in seinen bevorstehenden Kriegsbemühungen auf seiner Seite zu haben. Auch die Jägerin ließ sich erneut sehen und bot abermals an das Kind zu heilen – aber viele hatten sich ob der Art gewundert, wie sie ihnen von der Bösartigkeit des Zornesgeistes berichtet hatte und so traute nicht jedermann ihren guten Absichten. Die Priester waren einstimmig dafür, den Jungen ihrem Orden beitreten und seinen Frieden in ihrem Gott finden zu lassen, was ihre Position mithilfe seiner Macht beiläufig ein gutes Stück stärker machen würde. Der Ratgeber des Herrschers, ein Magier, schlug vor, dass sein eigener Zirkel von Kollegen den Jungen am besten unterrichten und schützen könnte, insbesondere vor sich selbst. Auch war dort beim Fest eine junge Mutter, die ihr eigenes Kind während der Auseinandersetzungen des vergangenen Jahres verloren hatte. Sie wollte den armen Jungen adoptieren und ihm all die Liebe zukommen lassen, die ihr eigenes Kind nicht mehr spüren konnte. Welche Art von Lektion der Junge jedoch von ihr über seine Kräfte gelernt hätte, das weiß natürlich niemand.«


Die Stille um das Feuer war voll von nervenaufreibender Spannung. Ich konnte sie nicht länger ertragen. »Und? Was ist dann passiert?« Der Wächter gab ein schiefes Lächeln von sich. »Nun, nichts Einfaches natürlich. Niemand wollte öffentlich Anspruch erheben, da niemand so aussehen wollte, als ob sie nach der Macht griffen, ohne sich um das Kind zu sorgen. Am Ende waren es die Helden, die die eigentliche Arbeit getan hatten, die als erste ihre Meinung öffentlich kundtaten. Und dies war genau die Art von Unterstützung, die die gierigen Bastarde brauchten. Aber selbstredend waren diese Meinungen alle verschieden. Es stellte sich heraus, dass einige der Ansicht waren, dass der Fürst die beste Wahl wäre, andere plädierten für den Magier und wieder andere für die trauernde Mutter. Zu guter Letzt wurden sie es alle. Der Junge wurde gesandt, sein Leben als Knappe des Herrschers zu verbringen und seine neue Mutter mit ihm zu nehmen, und die Magi stimmten ein, ihn eben dort zu unterweisen.«


»Eine schwierige Sache für ein Kind, so viele Beschützer zu haben,« sagte eine Stimme. Wir alle schauten uns aufgeschreckt um. Die Tür von einem der Wagen war ein wenig geöffnet. Heraus trat unser letzter Wegrand-Gefährte, ein fahrender Händler, der viele Wunder verschacherte und bis zu einem gewissen Grad ein Gelehrter. »Oh, kümmert euch einfach nicht um mich,« sagte er und lächelte uns alle an. »Ich habe euren Geschichten nur von innen gelauscht. Ich musste feststellen, dass mein aktuelles Buch mein Interesse nicht ausreichend fesseln kann.« Ich rutschte zur Seite, um ihm am Feuer Platz zu machen und er plapperte glücklich weiter, scheinbar unbeirrt von den feindseligen und argwöhnischen Blicken, die die anderen ihm zuwarfen. »So viele Loyalitäten, und so viele Wege, von denen man auswählen kann. Schwierig für jeden da vorherzusagen, was alles passieren könnte.« Ich sah ihn erneut an, aber sein Ausdruck war nichtssagend, ein leichtes Lächeln auf seinem Gesicht, das nichts erkennen ließ.


»Wohl wahr,« antwortete der Wächter. »Wie es sich traf, war es für keinen der Beteiligten eine glückliche Entscheidung. Der Fürst rückte aus, um die Rebellion viel früher im nächsten Jahr zu besiegen, als dies hätte möglich sein sollen, aber sein neuer Schutzbefohlener fing an, Informationen an die Rebellen weiterzugeben. Das arme Kind wollte nur den Frieden, aber seine Taten verursachten den Tod von vielen. Er vergewisserte sich, dass die Rebellen weder ihn noch seine Kräfte benutzten, um jemanden zu töten, aber dennoch starben genug – nicht vom Kampf, jedoch an Zermürbung. Die Rebellen nutzten die Information, um den Feldzug viel weiter hinauszuziehen als erwartet, bis in den Winter. Am Ende wurde er entdeckt, oder vielleicht hatte er auch beschlossen, komplett überzulaufen. Das führte zu dem Tod seines Magi-Lehrers und dem des ritterlichen Waffenmeisters. Schlussendlich fühlte er sich von einem jeden verraten und erhielt seine Rache an allen von ihnen. Vielleicht sogar an der Jägerin, oder zumindest an einem ihrer Diener, denn einige sagen, dass sie es war, die für den Verlust seiner ersten Mutter verantwortlich gewesen sein sollte.«


»Dass er sich als Verräter herausgestellt hatte, brach der Armee das Genick. Einige waren verständnisvoll, andere wiederum hassten ihn, nachdem sie davon gehört hatten. Aber auch die Rebellen brachen zusammen, sobald er sie verlassen hatte. Vielleicht war es seine Macht, vielleicht war es auch nur die Art, wie Menschen eben sind, aber er verließ sie in dem Zustand, wie er sich die ganze Zeit innerlich gefühlt haben musste – zersplittert, gebrochen, eintausend Interessen, die um Aufmerksamkeit ringen. Aber wenn dies außerhalb von jemandes Kopfes geschieht, dann sterben Menschen.« Der Wächter schaute uns noch einmal an. »Und du meintest, dass dies eine leichtere Geschichte würde,« scherzte der Händler. »Hattest du nicht gesagt, es würde eine werden?« Der Wächter blickte ihn kurz an, kniff die Augen finster zusammen und schaute weg.

KinderDesZorns

Freiheitsklänge

»Ich bin die Nächste.« Das war eine Aussage, nicht eine Frage. Die Frau des alten Mannes machte sich nicht einmal die Mühe sich nach Widerspruch umzusehen, anstelle dessen starrte sie ins Feuer. »Es war einmal ein Land, das vom Bürgerkrieg zerrissen war. Viele verschiedene Gruppen bekämpften einander und die Bündnisse veränderten sich fortlaufend. Der Herrscher dieses Landes besaß eine Armee von Soldaten, an sich gut ausgebildet, aber vielerlei Dinge arbeiteten gegen ihn. Seine Soldaten waren unzufrieden, da ihre bisherigen Versuche, die Rebellen auszumerzen, kläglich gescheitert waren. Er selbst hatte eine schwache Seele und hatte beschlossen aufzugeben, anstatt zu herrschen, wie es ein Fürst tun sollte. Anstelle dessen gab er mehr und mehr von seinen Verantwortungen an einen seiner Generäle ab; ein rauer Mann, aber zu diesen Zeiten der fähigere. Dieser General ererbte viele Feinde. Einige Männer dachten, der alte Fürst verdiente eine Bestrafung und versuchten ihr Möglichstes ihn umzubringen, und es war der General, der ihnen hierbei im Wege stand.«


»Ein Mann hatte besonders guten Grund, den feigen Fürst zu hassen. Seine Frau war erst kürzlich von den Leuten des Herrschers umgebracht und sein Sohn von ihm entführt worden. Dieser Mann, getrieben von außergewöhnlicher Entschlossenheit, brachte es zu Prominenz unter dem zerschlagenen Anliegen der Rebellen. Sein eigener Wunsch war es, den zu stürzen, der ihn verletzt hatte, und darin fand er Verbündete. Denjenigen, die sein Ziel nicht teilten, bot er an, was sie begehrten – Maßnahmen gegen die unterdrückende Kirche des Landes.« Der Mann in Weiß zog bei dieser Aussage eine Augenbraue hoch, blieb aber vorsichtigerweise still. Auch sein Kamerad blieb unbewegt, fast unsichtbar im Schatten. »Auf diese Weise sammelte er viel Gefolgschaft. Aber der Mann war weise. Er wusste, dass ein einfaches Bekämpfen des Generals und Töten seines Herrschers nur die Samen für weitere Schlachten in der Zukunft säen würden. Anstatt dessen ersann er einen Plan. Er nutzte all sein Geschick, um herauszufinden, wo sich die Leutnants des Generals das nächste Mal mit ihrem Fürsten treffen würden, um die Strategie zu besprechen. Dort würde er aus diesen Rittern seine Beute machen. Er würde sie gefangen nehmen, um Verhandlungen zu erzwingen. Sie würden seine Geiseln gegen eine friedvolle Lösung sein, sollten seine Forderungen erfüllt und der Fürst abgesetzt werden. An diese Stelle sei erneut betont, dass es sich um einen klugen Mann handelte. Er wusste, dass der Krieg und die Jagd nicht bis ins letzte Detail geplant werden könnten, und er war auf ein blutiges Ende für alle gefasst, falls es erforderlich wurde.«


Das Gesicht des Karawanenwächters war verschlossen, sein Kiefer zusammengebissen. »Effektive Taktiken, das muss man ihm lassen,« sagte er. Die Frau sah ihn für einen Moment lang ruhig an, dann kräuselten sich ihre Lippen kaum merklich und sie nickte. »In der Tat. Die effektivsten Taktiken. Und sie funktionierten. Die Ritter waren natürlich nicht unbewacht, da viele Helden zu diesem Gipfeltreffen eingeladen worden waren, aber der Rebell hatte seine besten Leute bei sich. Sie waren wie Geister für ihre Beute und nahmen schnell zwei oder drei Ritter gefangen. Versuche, zu verhandeln, schlugen fehl und es schien, als ob alles blutig enden musste. Und tatsächlich wäre es vielleicht dazu gekommen, wenn der General wie geplant bei voller Sollstärke erschienen wäre, und mitbekommen hätte, wie einfach seine Männer überwältigt worden waren. Aber so sollte es nicht kommen.«


»Denn das Gipfeltreffen wurde, war es aus Versehen oder aus einem höheren Grund, an einem sehr besonderen Ort abgehalten.« Ein langsames Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als sie sprach. »Eine große Göttin der Jagd war vor langer Zeit an diesem Ort gebunden worden. Gebunden von vielen Helden« - ihre Lächeln wurde bitter - »und einem Verräter aus ihren eigenen Reihen. Und das Gleichgewicht des Landes war bei dieser Tat aus den Fugen geraten. Aber der Verräter von einst, wegen seiner eigenen Handlungen verflucht, auf ewig ein Ausgestoßener zu sein und zwischen den Geistern und Menschen zu wandeln, hatte sich letztendlich dazu entschlossen, seinen eingeschlagenen Pfad zu überdenken. Nun hatte er ersonnen, seine Gebieterin wieder zu befreien, und um dies zu tun hatte er arrangiert, dass einige derjenigen, die seiner Herrin in der Vergangenheit Treue bewiesen hatten, an diesem Gipfel zusammenkommen würden, um die nötigen Schritte zu veranlassen.«


»Während also ihre Freunde versuchten, gleichzeitig die Menschen und die Ritter zu beschützen, welche versuchten die Menschen zu beschützen, katzbuckelten und verneigten sich diese sogenannten Helden vor irgendeinem Geist, ist das richtig?« schnaubte der Wächter der Karawane verächtlich. »Auch ich finde das irgendwie merkwürdig,« stimmte der Händler zu. »Schließlich hatten sie doch bestimmt schon genug zu tun, ohne auch noch mit gebundenen Göttinnen herumzuspielen.« »Nein,« sagte da der alte Mann, noch bevor seine Frau Luft zum Sprechen holen konnte. »Sagt nicht, dass sie sich falsch benommen hätten. Bedenkt lieber Folgendes. Keine Gefangenschaft währt ewig. Das Rad der Zeit dreht sich beständig fort. Es ist unvermeidlich, dass die Freiheit eines Tages wiederkehrt, erst recht für einen Unsterblichen. Das ist der Lauf des Landes, des Lebens und der Natur.« Eine kurze Pause folgte. Ich machte mich gefasst, dass gleich von allen Seiten wütende Tiraden losbrechen würden, aber stattdessen entspannte sich die Frau ein bisschen und fuhr fort.


»Während also die Rebellen die Ritter jagten, begannen diejenigen, die der Göttin dienten, mit ihren eigenen Ritualen; angeführt von dem Verräter von einst. Sie fanden heraus, wie die Göttin an diesem Ort gebunden worden war, und wer dies getan hatte – ein großer barbarischer Krieger, ein Meisterjäger, eine weise Druidin, ein unschuldiger Spitzbube, ein unbezwingbarer Ritter und ein einfacher Bauer. Es war der Bauer gewesen, der diese Legenden vor vielen Jahren zusammengebracht hatte. Er hatte seine Familie an eine Laune der Göttin verloren, und nun sann er auf Rache; aber vielleicht wollte er auch nur andere davor schützen so zu leiden, wie er es tat.« An dieser Stelle kam ein leises Seufzen von dem schattigen Mann. Sein Bruder in Weiß schaute traurig und nachdenklich drein. »All diese legendären Figuren hatten ihr Leben gegeben, um die Jäger-Königin zu binden. Damit meine ich nicht, dass sie gestorben waren, aber dass sie ihr Leben im wahrsten Sinne aufgegeben hatten. Denn sie lebten noch immer dort, am Leben gehalten durch das Ritual, das ihnen der Verräter beigebracht hatte, versteckt hinter dem Mondlicht auf dem Pfad der Sterne. Und es waren ihre ewigen Leben, gebunden an diesen einen Ort, die das größere Band bildeten, welches die Göttin hielt.«


»Ein heftiges Opfer ist das,« murrte der Wächter. »Ewig zu leben, aber nie in der Lage zu sein einen Fleck zu verlassen. Zu grausam für mich.« Die anderen sahen ihn mit Zustimmung an und selbst die Frau nickte kurz. »Ja. Nicht alle von den Gebundenen hatten ihren Verstand behalten. Das sollte die kleine Gruppe schnell herausfinden, als sie kamen die Verbannung zu lösen und die Göttin zu befreien. Den Barbaren besiegten sie im Kampf, aber der Jäger wollte nur ein wenig Gesellschaft. Und sie linderten seine Verzweiflung und Einsamkeit, bevor sie ihn töteten. Die Druidin wünschte sich nur frei zu sein, und vielleicht fand sie einen Ausweg, ohne sich mit ihrer Hilfe zu opfern, ich weiß es nicht. Die Wanderlust des Schelms hatte die Bindung an ein Ort für ihn zu einer einzigen Tortur gemacht. Er war ziemlich, ziemlich wahnsinnig, als sie ihn erlösten. Der Ritter war so unbezwingbar wie die Legende sagte, aber sein Blick auf das, was richtig und ehrenhaft war, hatte sich genügend verändert, sodass sie ihn schließlich überzeugen konnten, seinen Posten aufzugeben. Zuletzt war nur noch der Bauer übrig. Und er war wehrlos. Er flehte sie an, nochmals darüber nachzudenken und nicht zu entfesseln, was er gebunden hatte; als er jedoch realisierte, dass sie mehr als entschlossen waren, trat er seinem Tod in Würde gegenüber.«


Jeder der Zuhörer war von der Geschichte ergriffen. Der Karawanenwächter wandte seinen Blick ab und versteckte sein Gesicht. Der Händler runzelte nachdenklich die Stirn. Der Bruder in Weiß hatte einen traurigen Ausdruck in den Augen, schüttelte sich dann jedoch und tauschte ein reumütiges Lächeln mit seinem schattigen Gefährten aus. Nur der alte Mann blieb gelassen und wartete darauf, dass seine Frau die Geschichte weitererzählen würde.


»Und so wurde die Göttin der Jagd in der Nacht vor der geplanten Ankunft des Generals befreit. Ihre Jagdhunde begleiteten sie und sie setzte ihren Verräter-Herold wieder in sein Amt; und dies tat sie einen Moment, bevor sie ihn für seinen Verrat ermordete. So sagt man zumindest. Sie ließ ihren Dank und ihr Zeichen denen zuteilwerden, die ihren Bann gebrochen hatten, ehe sie verschwand, um abermals die Freuden der Jagd und ihre wahre Natur zu kosten.« Zum ersten Mal schien die Frau wirklich glücklich zu sein. Das war jedoch kein sonderlich beruhigender Anblick. Sie sah wild aus. Ihr Lächeln strahlte im Schein des Feuers. Sie erinnerte mich an einen hungrigen Wolf.


»Der General kam also am nächsten Tag nicht wie geplant mit seinen Soldaten an. Anstelle dessen wurde er von der Göttin selbst gejagt, eine zufälliges Opfer, das ihren Weg gekreuzt hatte. Das Eingreifen der Helden rettete ihn, wo sie die Ritter unter seinem Kommando nicht gerettet hatten. Diese neue Gefahr hatte ihm deutlich zu spüren gegeben, dass eine Notwendigkeit zur Einigkeit bestand, wollte er neueren Gefahren gegenübertreten. So war er schließlich auch viel mehr gewillt um die Leben seiner Ritter zu verhandeln, als die Rebellen in Zorn niederzustrecken. Entgegen aller Bemühungen seines Magier-Beraters, ihn zu warnen und diese Verbindung zu verhindern, wurde eine Abmachung zwischen dem als Regenten agierenden General und den Rebellen getroffen. Obwohl es ihm viel abverlangte, und er seine eigene Lehnstreue brach, stimmte der General schlussendlich zu, seinen Fürst zum Rücktritt zu zwingen. Aber als Gegenleistung erhielt er die Allianz der Rebellen. So kam es, dass Friede in diesem Land geschmiedet wurde; oder zumindest ein Anfang dessen.«

Freiheitsklänge

Masken des Wahnsinns

»Nun, wenigstens endete diese Geschichte ein bisschen… klassischer,« grummelte der Wächter der Karawane. Auf der Stelle fixierte ihn die Frau mit einem starren Blick. »Endet sie nicht nach deinem Geschmack, Krieger? Oder war es der gewählte Weg, der dich brüskiert?« Er erwiderte ihr direktes Starren, fest und unbeweglich wie eine Statue. Ich fing an mich zu fragen, ob es zu einer Prügelei kommen würde, als die Stimme des Mannes im Schatten durch die Anspannung schnitt. »Jetzt bin ich dran, denk ich. Es sei denn du hast einen Einwand, Bruder?« Der ironische Ton war in seine Stimme zurückgekehrt. Der Mann in Weiß sah in ohne Groll an und grunzte. »Vielen Dank für deinen Enthusiasmus, verehrter Bruder. In meiner Geschichte geht es um ein Kloster, abgeschieden und einsam, und alles geschah an jenem Ort. Es ist zwar ein bisschen düster, aber es gibt gute Triumphe am Ende, so wie es sein sollte.« Bei jedem seiner kleinen Spitzen gegen seinen Bruder zitterte die Stimme des Schattenmannes ein wenig. Ich fragte mich, was sein eigener Anteil an dieser Geschichte war, dass es ihn so schüttelte.


»In einem Land, in dem einst eine große Kirche florierte, waren schwere Zeiten angebrochen. Jahre voll magerer Ernten und schlechter Führung hatten zu vielerlei Chaos geführt. Der jüngste Herrscher des Landes war gezwungen gewesen mit den Rebellen Frieden zu schließen, um seinen Thron zu festigen. Eine der Bedingungen des Friedens war es jedoch, der Kirche, die gerade erst begann wieder festen Boden unter ihren Füßen zu finden, die herrschaftliche Unterstützung zu entziehen. Und so entschied die Stimme des Volkes und die Kirche hatte darunter zu leiden. Unterdrücker, wurden die Priester geschimpft, und rückständig, und manipulative Schatten; und dies galt nicht nur in jenem Land, sondern auch für die benachbarten Provinzen.«


»Aber schlage selbst den friedvollsten Mann einmal zu oft und er wird es in sich finden, Vergeltung üben zu wollen. Und so war es auch mit dieser Kirche. Diejenigen, die dem kirchlichen Dogma treu zur Seite standen, fingen an sich zu verbünden und zu verteidigen. Ein Schlag folgte dem nächsten, bis der brodelnde Groll beider Seiten drohte, den bis dahin aufrechterhaltenen Frieden, zu zerschmettern.«


»Vielleicht war es dieser Konflikt, der die Kirche dazu trieb ihren Besitz noch stärker zu umklammern; vielleicht war es auch schlicht der Glaube, der einige Geistlichen dazu brachte, einen ihrer ältesten und heiligsten Standorte zu befreien. Aber was auch immer die Gründe gewesen sein mögen, das Resultat blieb das gleiche. Ein Kloster in diesem Land war vor langer Zeit verlassen worden, und seine Relikte und Geheimnisse waren der Vergangenheit anheimgefallen. Ohne weltliche Unterstützung waren die Priester gezwungen, sich den Magiern des Landes zuzuwenden und um Hilfe zu bitten, aber letztendlich gelang es ihnen, sich das Klostergut zurückzuholen und mit etlichen Mönchen und Schwestern zu bevölkern. Ein erfahrener Abt leitete die Gemeinde beim Wiederaufbau der alten Mauern an, und für den Anfang schien alles gut zu laufen. Friede war vor nicht allzu langer Zeit in das zerrissene Land zurückgekehrt und die Gruppe hatte Hoffnung, dass sie ihren Glauben stärken und vielleicht sogar ausbreiten könnten; mit oder ohne Hilfe ihres Lehnsherren.«


»Dieser Lehnsherr war jedoch in letzter Zeit unruhig geworden. Denn obwohl es einen namentlichen Frieden in seinem Land gab, verbreiteten sich dennoch merkwürdige Geschichten von dunkel-gewandeten Fanatikern, die Anschläge gegen die Vertreter der Kirche verübten. Diese Männer schienen in hohem Maße brutal und gefährlich, und verfolgten mit einer derartigen Zielstrebigkeit irgendeinem unbekannten Ziel, wie sie nur selten bei Briganten gesehen worden war. Der Herrscher des Landes vernahm, wer ihre Ziele waren und ein dunkler Verdacht begann an ihm zu nagen. Er befürchtete, dass die zerbrechliche Sicherheit seiner weltlichen Leute schon bald von einem heiligen Krieg zerrissen werden könnte, und so beschloss er, Abgesandte zu dem Kloster in seinem Land zu schicken – dem größten Besitztum der Kirche – um herauszufinden, was hinter diesen sonderbaren Attacken steckte.«


»Und hätte sich dann nicht zugetragen, wie es sich zutrug, dann hätte man sich durchaus wundern können, was möglicherweise geschehen wäre. Der Abt war mit der politischen Lage der Situation vertraut und begrüßte die Reisenden; es waren jedoch nicht alle der Brüder so schlau. Vielleicht wäre eine Brücke zwischen Kirche und Land geschmiedet worden – aber es sollte sich nicht um einen friedlichen Besuch handeln. Bereits kurz nachdem die Gruppe der Gesandten angekommen war, stieß eine weitere Gruppe zufällig auf das Klostergut – eine adlige Dame aus einem anderen Land mitsamt ihrer Entourage. Beide Gruppen wurden von den Mönchen willkommen geheißen und in die Traditionen des Klosters eingewiesen. Aber schon bald danach erschienen eben jene Fanatiker, deren Gerüchte den aktuellen Besuch erst veranlasst hatten, und belagerten das Kloster.«


»Es schien, als ob diese Fanatiker von einer Person von besonderer Abstammung kannten, welche sich innerhalb der Klostermauern aufhielt; eine Person, die in ihrem Glauben so wichtig war, dass sie diesen Unbekannten sogar „Messias“ nannten. Sie behaupteten, dass sie darum bemüht waren, ihren Messias in die ihm zugewiesene Rolle einzuweisen. Unter diesen einfachen Fanatikern bewegten sich jedoch dunkel-gewandete Männer mit angsteinflößend bemalten Gesichtern, die nicht sprachen, sondern nur zuhörten. Vielleicht war es ihr Einfluss, der ihre Brüder dazu trieb das Blut eines jeden Außenseiters, der mit dem Messias reiste, als Taufe für sein neues Leben zu verlangen. Die Brüder und Schwestern des Klosters würden verschont werden, wenn sie sich nicht sträubten; aber alle, die zum Kloster gereist waren und Zuflucht gesucht hatten, müssten beseitigt werden.«


»Der Abt akzeptierte dieses Ultimatum nicht, sondern flehte stattdessen, dass seine Gäste nach den alten Regeln seines Ordens geschützt werden mögen. Das Kloster selbst war stark genug in alte Segen gewunden, um den Verteidigern einen Vorteil zu verschaffen, aber die schreckliche Magie der Angreifer ließen sie stocken. Die dunklen Männer, wenngleich spärlich gesät zwischen den Angreifern, riefen denselben Gott an wie die Brüder des Klosters – und zwar in all seinen Facetten. Solche Blasphemie galt als unerhört unter den Dogmatikern, aber sie schien diesen Häretikern große Macht zu verleihen. Den Verteidigern gelang es, ungesehen von den Angreifern einen Boten auszusenden, um Hilfe zu erbitten, aber der Abt wurde zunehmend besorgter. Besorgt genug zumindest, um verzweifelte Maßnahmen in Betracht zu ziehen.« Obwohl seine Geschichte düster war, hatte der schattige Mann ein Lächeln in der Stimme, als er fortfuhr.


»Zu der gleichen Zeit begannen sich andere versteckte Räder zu drehen. Eine große Königin der Feen hatte heimlich ihren eigenen Abgesandten in das Kloster geschickt. Er erschien vor denen, die ihr in der Vergangenheit bereits geholfen hatten, und bat sie, einmal mehr ihre Treue zu beweisen. Denn an jenem Ort hatten schon lange vor der Rückkehr der Kirche dunkle Mächte gehaust. Einige waren bis jetzt geblieben, und unter ihnen befand sich eine grauenerweckende Kreatur der Alten Nacht: Herr und Herrin des Wahnsinns, die die gequälten Albträume derer zu trinken pflegte, die sie umgaben. Dieses dunkle Wesen war als Verbündeter zu gewinnen, da die Feenkönigin sich einen Konflikt am Horizont zusammenbrauen sah und gedachte, ihre Streitkräfte zusammenzuziehen. So kam es also, dass einige von denen, die das Kloster hätten verteidigen können, stattdessen ihre Zeit mit dem Versuch verschwendeten, die Kreatur zu beeindrucken, damit es ihnen möglichweise sein Gehör schenkte.«


»Aber es war nicht nur dieses Feenwesen, dass das Kloster sein zuhause nannte. Etwas Älteres, Subtileres lebte in diesen Gemäuern; etwas, das seit dem Anbeginn dieser Zeit dort war, noch lange bevor der alte Bergfried an die Kirche übergeben worden war. Es kannte die Sünde wie kein sterbliches Lebewesen es konnte, und bestrafte gelegentlich einige wenige Ausgewählte. Vielleicht führte seine Präsenz zu den vielen Träumen und Visionen, die die Belagerten diese Nacht heimsuchten, oder vielleicht war es die Heiligkeit der Mauern, die göttliche Botschaften verschenkte. In jedem Fall erwachte der Abt am nächsten Morgen mit einem Plan der Erlösung – oder vielleicht dem Gegenteil.«


»Die heiligste Reliquie des Klosters waren die Artefakte einer heiligen Kriegerin, die zur Seite ihres Gottes aufgestiegen war. Diese Artefakte waren dafür bekannt böse Eigenschaften zu besitzen, welche die Heilige vor ihrer Himmelfahrt (ihrem Aufstieg?) gebunden hätte. Der Abt mutmaßte nun, dass ihr Pflichtbewusstsein stark genug wäre, sodass sie zur Welt zurückkehren und ihr treu zur Seite stehen würde, wenn ihre Artefakte auf ein Neues entfesselt würden. Und während sie dies tat, würde sie sicherlich auch das Kloster von seinen Angreifern befreien.«


»Aber dieser Plan bedurfte eines Opfers. Die Artefakte konnten nur von ehrlicher Wut, Schuld oder Sünde auferweckt werden; den gegenteiligen Emotionen zu denen, die sie einst gebunden hatten. Sie aufzuwecken war ein Verbrechen gegen seinen Gott, genauso wie es eines war, eine Heilige von ihrer rechtmäßigen Belohnung wegzurufen, aber die Not des Abtes war groß und seine Absichten gut. Schon so manch ein Tor hat seine Schranken in einer solchen Situation überschritten.« Er gluckste leise in sich hinein. Sein Bruder warf ihm einen finsteren Blick zu. »Aber einige sind in der Lage wieder zurückzugehen, sobald ihre Not vorbei ist, und finden so erneut zu Gnade. Vielleicht sogar zu einer höheren Gnade.« Der Mann in Weiß starrte ihn noch immer an, aber all seine Wut was aus seinen Augen gewichen. Jetzt sah er nur noch gespannt aus.


»Es war also in dieser Nacht, dass sich einige der Gesandten bemühten, in sich selbst wahren Zorn und Geheimnisse zu finden, die in der Lage waren wie Messer zu schneiden, sobald sie enthüllt würden. Während der Abt meditierte und versuchte mithilfe seiner Gebete seine Beschützerin herbeizurufen, vergifteten die anderen einander mit ihren Worten der Wahrheit, bis sich die Artefakte rührten. Währenddessen überquerten andere, unter Feenkommando, eine Mondschein-Brücke zu der Alten Nacht. Sie hatten einen speziellen, wertvollen Trunk mit sich zu bringen, um das Bündnis zwischen der Jäger-Göttin und dem dunklen Wesen zu besiegeln. Den gewünschten Wein fanden sie, nachdem sie den Beschwerlichkeiten der Alten Nacht tapfer ins Auge gesehen hatten und einen guten Teil davon ertauschen konnten. Aber es war nicht alles so wie es schien.«


»Denn einige von denen, die in die Alte Nacht gesandt wurden, hatten etwas anderes im Sinn, als die Interessen der Jäger-Königin zu vertreten.« Ich wagte es nicht, die Frau anzusehen. Ihre Wut war spürbar. »Stattdessen wollten sie die Neutralität des dunklen Wesens sicherstellen, um so die Feenkönigin zu schwächen. Aber selbst sie bemerkten nicht, dass einer unter ihnen war, der noch einem ganz anderen Ruf folgte. Und dieser verdarb den Wein – oder reinigte er ihn vielleicht? – auf solch eine Weise, dass das dunkle Wesen vor Wut förmlich tobte. Die getroffene Vereinbarung konnte aufrechterhalten werden, und die meisten der Versammlung wünschten seine Neutralität, aber es war von der Gattung der Feen und hatte schon immer und bereits vor der Zeit ihrer Geburt gern die Worte verdreht. Es akzeptierte die Neutralität, aber als Rache für den vergifteten Wein beschränkte es seine Neutralität auf nur eine Nacht, und machte somit den Geist ihrer Abmachung zunichte. Nach dieser Zeit warnte es sie, dass es sie heimsuchen und tief aus ihren Gedanken trinken würde. Und wenn es ihm gefiel, dann würde es sich auch gegen ihre Wünsche der Jäger-Göttin anschließen. So geschah es, dass sich die Abgesandten in jener Nacht einen schrecklichen Feind schufen.«


»Am folgenden Morgen wussten die Eindringlinge, dass sie zuschlagen mussten, um alles zu übernehmen – ansonsten würden sie mit nichts dazustehen. Der Bote war durch ihre Reihen geschlüpft und sie wussten, dass Hilfe zum Kloster unterwegs war. Und während sie ihren Angriff vorbereiteten, bereiteten auch der Abt und die Gesandten ihre blasphemische Verteidigung vor. Zur Mittagsstunde schlugen die dunklen Männer und ihre fanatischen Gefolgsleute zu. Der Kampf war grausam, und schrecklich war Belastung für die Verteidiger; aber im letzten Moment griff der Plan des Abtes. Geschürt von den Sünden der Abgesandten riefen die dunkle Klinge und der Foliant der Heiligen nach ihrer Meisterin – und sie antwortete. Und obwohl die Angreifer nach ihrer Hilfe gegen die Verteidiger schrien, durchbrach ihr Zorn sogar ihre Magie und ihre Gnade heilte die gefallenen Mönche und Abenteurer. Aber allen, die sie sahen, war klar, dass sie nicht glücklich darüber war, in eine unvollkommene Welt zurückgekehrt zu sein. Sie litt mit jedem ihrer Schritte und die Sünde des Abtes wuchs. Dennoch, schlussendlich war das Kloster gerettet.«


»Im Licht dieses Tages dankten die Mönche den Abgesandten für ihre Hilfe und sandten ihre große Beschützerin zurück zu ihrer Belohnung. Der Abt trat von seiner Position zurück, um Buße zu üben für seine schwarze Tat. Und was war mit den Artefakten der Heiligen? Nun, sie waren noch immer auferweckt, da sie nicht lange genug geblieben war, um sie erneut zu binden. Aber welches alte Wesen auch immer in diesem Kloster lebte, es kannte die Sünde wie kein anderer, und so kannte es auch Schwert und Band. Es gab sich der Gemeinschaft der Verteidiger zu erkennen und band die schrecklichen Reliquien um ein Neues – als Begleichung einer alten Schuld, die es bei ihrem letzten Machthaber wiedergutzumachen hatte. Und so kam es, dass die Gläubigen vor der Gewalt gerettet wurden, wenn auch nicht von ihrem Glauben.«


Das Lächeln war in die Stimme des dunklen Mannes zurückgekehrt. Er hatte seine Geschichte erzählt und lehnte sich nun erneut in den Schatten. Eine schwere Ruhe sank auf das Lager herab. Jeder schien über die Geschichte nachzugrübeln. »Ich verstehe es nicht,« sagte der Karawanenwächter schließlich. »War das ein gutes Ende?« »Und ich verstehe nicht, warum uns das kümmern sollte,« sagte die Frau in scharfem Ton. Der Händler lächelte und betrachtete die beiden. Erstaunlicherweise war es der Mann in Weiß, der versuchte, Frieden zu schließen. »Vielleicht war es das, vielleicht auch nicht. Vielleicht ist kein Ende gut, das böse Mittel braucht, um erreicht zu werden. Oder vielleicht bringt das Ende alles in Ordnung. Vielleicht werden wir jedoch auch einfach nur weiser bei der Erörterung der Frage.« Der alte Mann grinste breit und nickte.

MaskenDesWahnsinns

Saat des Sturms

»Jetzt bin ich dran,« warf der Händler plötzlich ein. Er lächelte uns alle an – ein persönliches, leises kleines Lächeln, ganz anders als das seines Marktgesichts. »Meine Geschichte passt zu einigen von euren wie ein Topf dem Deckel. In der Tat geht es in meiner Geschichte auch um ein Herzogtum, das in den vergangenen Jahren viel zu leiden gehabt hatte. Ein Jahrhundert lang war es unter einem Fluch dahingesiecht, der dann gebrochen wurde. Dann jedoch traten Rebellen auf den Schirm und als diese gestoppt wurden, begann die sich Kirche des Landes zu spalten. Was für ein Theater! Einige murrten, dass der Fluch nie wirklich geendet habe, insbesondere da die Naturgeister in der Nacht noch immer die Unschuldigen jagten. Und vielleicht hatte alles zusammen eine gemeinsame Ursache, aber zum ersten Mal seit sechs langen Jahren voll von Kampf und Zwist, schien das Land etwas Frieden erwarten zu können. Als also ein komischer Vorfall in einem Kloster die schismatischen Attacken zu verlangsamen schien, ergriff der belagerte Herrscher die Gelegenheit, seinen Leuten ein wenig Hoffnung zu schenken. Natürlich rasselten seine Nachbarn auch weiterhin mit den Säbeln und die Probleme innerhalb des Landes waren keineswegs gelöst, aber dennoch sah er die Notwendigkeit ihre Moral zu unterstützen und obendrein ein Schritt näher daran zu kommen, sie effektiv beschützen zu können.«


»Wisst ihr, dieses Land hatte eine alte Tradition, seinen Herrscher an sich zu binden und ihn als Brücke zwischen sich und seiner Bevölkerung einzusetzen. Er war dafür verantwortlich sicherzustellen, dass die Naturgeister nicht ihre Grenzen überschritten und hatte gleichzeitig dafür Sorge zu tragen, dass sich die Menschen respektvoll und treu gegenüber ihren Verpflichtungen zum Land verhielten. Das einzige Problem was, dass er nicht in seine Rolle hineingeboren, sondern hineingestoßen worden war. Niemand hatte ihm diese alten Wege beigebracht. Erst jetzt hatte er die Gelegenheit zu lernen und endlich seinen angemessenen Platz einzunehmen. Höchstwahrscheinlich war es zu seiner eigenen Bestürzung, als er begriff, was dies tatsächlich nach sich zog.«


»Letzten Endes sind alte Traditionen oftmals wild, und diese stellte keine Ausnahme dar. Das Land und seine Geister waren in drei Höfe aufgeteilt. Ein jeder repräsentierte einen anderen Aspekt der Natur. Der Hof des Waldherrschers konzentrierte sich auf Wachstum, Fruchtbarkeit und überdauernden Widerstand, während seine Gattin, eine Jäger-Königin, Stärke, Willen, Mut und Tatendrang liebte. In der Mitte befanden sich all diejenigen Geister, deren wesentliche Eigenschaften irgendwo dazwischen fielen, oder auch komplett außerhalb dieser beiden Extreme lagen. Um sich an sie zu binden, musste der Herrscher Geschenke mit einem jeden der Höfe austauschen. Eine einfache Angelegenheit, so könnte es scheinen, mit der Ausnahme von der Beschaffenheit der Geschenke.«


»Denn solch merkwürdige Verbindungen bedurften ebenso eigentümlicher Zehnter. Die Traditionen, die den Herrscher banden, banden die Geister auf die gleiche Weise, und so war er nicht nur gezwungen, ihnen ihre angemessenen Geschenke zu garantieren, sondern ihnen auch einen Tribut zu entreißen, der seine Führungsqualitäten bewies. Seine eigenen Prüfungen wurden indes widergespiegelt von ähnlichen Strapazen, denen seine Gefolgsleute entgegenzutreten hatten. Nun hätte der Fürst vielleicht seine Ritter und eingeschworenen Schwerter oder Magier anrufen können – doch er durfte es nicht. Denn das alte Gesetz des Landes verlangte es, dass sein König inspirierend genug zu sein hatte, damit sich die Menschen auch ohne vorherigen Schwur vor ihm verneigten. Alle, die ihm ihre Treue bereits geschworen hatten, würden von nun an untergeordnete Anhänger sein, die nur von einem Vertrag und nicht von echter, heftiger Ergebenheit gebunden waren, so behaupteten seine Lehrer. So kam es, dass der Herrscher noch einmal nach einer Gruppe Reisender schickte, die ihm bereits in der Vergangenheit helfend zur Seite gestanden hatten.«


»Diese Reisenden hatten nun einige Erfahrungen mit dem Land, und als der Herrscher nach Freiwilligen suchte, fanden sich schnell einige bei ihm ein. Diejenigen, die gewillt waren als Botschafter zum Waldherrscher zu gehen, waren reichlich, denn sie mochten seine friedfertige Art; einige waren auch bereit sich mit den hoflosen Geistern zu beschäftigen, aber es fehlte ihnen an gutem Willen, sich um die Jägerin zu kümmern. Ihr vergangener Blutdurst hatte einige von ihnen zutiefst schockiert, und obwohl sie widerwillig ihre Notwendigkeit anerkannten– zumindest die meisten von ihnen – war keiner von denen, die bisher mit ihr zu tun gehabt hatten, gewillt, dieses Unterfangen zu wiederholen.« Ich schaute das alte Paar an. Der Mann lächelte wie immer, unverändert, aber ich war überrascht, einen Ausdruck von tiefer Trauer im Gesicht der Frau zu erblicken. Schnell wandte ich meinen Blick ab, da ich nicht wollte, dass sie wusste, dass ich ihre Schwäche mitbekommen hatte. »Dennoch fanden sich schließlich zwei mutige Seelen aus der Entourage einer jungen Adelsfrau als Freiwillige für dieses Unternehmen – ob ihr Mut jedoch aus einem Mangel an Weisheit resultierte, vermag ich nicht zu sagen. So kam es, dass alle von ihnen dem Fürst schworen, die alten Abkommen mit dem Land in seinem Namen zu erfüllen, während er alleine davonzog, um seinen eigenen Prüfungen entgegenzuziehen.«


»Die Reisenden wurden von mehreren Druiden des alten Ordens geleitet; Männer und Frauen, die in den alten Sitten bewandert waren und die auserwählten Botschafter unterweisen konnten. Mit ihnen waren zudem einige Ritter und Magi, um sie zu unterstützen und ihnen bei ihren Aufgaben beratend zur Seite zu stehen. Und solcher Rat war notwendig, denn die Aufgaben, die Geschenke zu sammeln und vorzubereiten, waren keineswegs einfach. Der Herrscher des Waldes verlangte von seinen Bittstellern, dass sie neues Leben im Wald säen mögen, indem sie Samen pflanzten, die auf die richtige Art und Weise geerntet worden waren. Diese mussten anschließend mit dem der Sonne eigenen Wasser gekühlt und mit Blut gefüttert werden, welches in der Prüfung der Jägerin vergossen worden war. Der Jägerin war unterdes ein neuer Speer auszuhändigen, der auf korrekte Weise hergestellt werden musste und sowohl mit der Kraft des Mondes als auch mit vergossenem Blut, aus einem in ihrem Namen stattfindenden Kampfzirkel sowie aus der Jagd, zu weihen war. Die Hoflosen wünschten sich die Öffnung eines Pfades zwischen ihrer alten Nacht und unserer Welt, sodass sie zwischen ihnen wechseln könnten. Diese Aufgaben mussten alle mit wahrer Entschlossenheit erfüllt werden, sodass ein jeder Botschafter zuerst an seine Aufgabe denken musste und nicht abgelenkt werden durfte.«


»Die Botschafter schnitten gut darin ab, diese komischen Bedingungen zu erfüllen, selbst wenn ein Streit zwischen einem der Druiden und der zu Besuch gekommenen Adelsfrau die Spannung im Lager erhöhte. Nicht einmal eine Attacke von Kriegern, die im Namen der Kirche des Landes kämpften und sich redlich bemühten, diese „Barbarei“ aufzuhalten, konnte sie bremsen. Wie dem auch sei – an diesem Tag waren andere Mächte am Werk. Jemandem gelang es, die Rituale für den Waldherrscher und die Jägerin beide zu verderben, obwohl ihre Botschafter ihnen zuliebe gelitten und Blut vergossen hatten.« Der Händler klang amüsiert. »Einige der vorsichtig geernteten Samen wurden aus einem unpassenden Grund weggegeben, während die geschlagene Beute der Jagd ebenfalls zersetzt wurde, was dazu führte, dass diese Geschenke etwas schief gingen. So geschah es, dass in der Nacht die Feengeister erschienen und sowohl Jägerin als auch der Waldherrscher ihrem Unmut Ausdruck verliehen. Nur der Botschafter der Hoflosen, eine merkwürdige und dunkle Kreatur, schien zufrieden zu sein, obwohl sie in der Vergangenheit bereits schlechten Umgang mit einigen unter den Reisenden gehabt hatte.«


»Die zweite Hälfte des Rituals stand jedoch in dieser Nacht noch aus, sodass noch nicht alles verloren war. Der Herrscher des Waldes erzählte von einem mächtigen Allheilmittel, welches nur in einer solchen Nacht blühte, und forderte seinen Bittsteller heraus, eben jenes von einem Baum zu pflücken, der von gefährlichen Pflanzen umgeben war. Die Jägerin war erpicht darauf, ein ritualisiertes Spiel gegen ihren Botschafter zu spielen, bei welchem sie und ihr Hund versuchten, seine Steine niederzuschlagen und zu blockieren, während er versuchen sollte, sie in Sicherheit zu manövrieren. Die Spielsteine waren jedoch lebendige Menschen, so war der Einsatz höher als gewöhnlich in solchen Spielen. Schlussendlich mussten die Hoflosen an Verträge gebunden werden, die ihre Bewegungsfreiheit einschränken sollten, bevor sie durch den Feenpfad kamen. Dieses Mal war der Bittsteller des Waldherrschers erfolgreich und beendete die Prüfung, ohne ein einziges Allheilmittel herzugeben. Und die Botschafterin der Hoflosen stellte sicher, dass ihr keiner entging, ohne nicht vorher eine bindende Vereinbarung getroffen zu haben.«


»Im Falle der Jägerin wurde das Ritual jedoch ein weiteres Mal untergraben. Ihr Gegner hatte ein Artefakt von einem der Magier erhalten, die die Reisenden begleiteten: ein Messer, das einst von einem Feind der Jägerin gehandhabt wurde. Die Waffe hätte möglicherweise den Hund erzürnen können, wäre sie auf dem Spielfeld geführt worden, und hätte ihn sogar vielleicht verletzten können, aber der Botschafter war fehlgelenkt worden. Anstelle dessen versuchte er den Hund selbst zu kontrollieren, womit er nicht nur versuchte im Spiel zu betrügen, sondern zusätzlich noch die Jägerin zutiefst beleidigte, indem er die Loyalität ihres absolut bevorzugten Dieners in Frage stellte. Sein Schachzug schlug fehl; und die Jägerin, gebunden an die althergebrachten Regeln der Tradition, erlaubte einem seiner Spielsteine sicher auf die andere Seite zu wechseln, um das Ritual zu vollenden. Obwohl sie als grausam bezeichnet wurde, zeigte sie auch auf einer anderen Ebene Erbarmen – das Spiel war schnell genug zu Ende, sodass auch alle anderen, die sie niedergeschlagen hatte, gerettet werden konnten.« Erneut riskierte ich einen Blick auf die alte Frau. Sie hatte sich zurück in den Schatten gelehnt, aber ihre Schultern zitterten leicht. »Ich nehme an, sie hatte wenig Gefallen an solch einfacher Beute, aber vielleicht zwangen sie auch die Regeln und Gesetze des Landes dazu, gleichwohl zu spielen.«


»Mit dieser schweren Beleidigung ernteten die Reisenden jedoch ihren Zorn. Die ganze verbleibende Nacht hindurch wurden sie von ihren Dienern geplagt, und ihr Herold tat viele Male seinen Unmut kund. An diesem Punkt begannen die Reisenden sich zu wundern. Einige von ihnen hatten von Anfang an unehrliches Spiel bei den Ritualen vermutet, da sie dunkle Schatten gesehen hatten, die den Fürst während der Eidesschwüre der Botschafter verfolgt hatten. Die Feen selbst hatten angedeutet, dass eine unsichtbare Hand die Rituale zu ihren Missgünsten beeinflussen würde, dass sie jedoch machtlos wären, dieser Gewalt zu widerstehen. Als sich die Reisenden fragten, wem die Schuld zuzuschieben sei, fiel ihr Verdacht auf eine der Magi, die mit ihnen reiste. Sie war eine Gelehrte mit einem unangenehmen Betragen und sie war diejenige gewesen, die die Werkzeuge zum Betrug an der Jägerin angeboten hatte. Viele fingen an nach einer Bestrafung zu verlangen, oder zumindest nach einem Prozess, da es so schien, als sei sie für die Probleme verantwortlich gewesen, die sie nun heimsuchten. Wie auch immer,« und an dieser Stelle lächelte der Händler ein ehrliches, offenes Grinsen, »es setzten sich kühlere Köpfe durch. Es gab keinerlei Beweise, dass diese Dame irgendetwas falsch gemacht hätte und sie hatte ein helfendes Artefakt zum Schutz von Unschuldigen angeboten. So kam es, dass sich alle in Frieden trennten, wenn auch nicht ohne einigen Verdacht. Wenn die Frau und ihre Magier-Freunde die Rituale unterlaufen hatten, dann konnte sich niemand dessen gewiss sein, noch erraten, warum sie dies hätten tun sollen.«


Ringsherum ums Feuer herrschte Stille. Und obwohl der Händler ganz zufrieden schien, konnte ich eine gewisse Nervosität hinter seinem Lächeln erkennen. Die zwei Brüder bewegten sich ruhelos hin und her; Schatten bedeckten sie beide, als das Feuer langsam abbrannte. Der Karawanenwächter blickte finster drein, offensichtlich nicht zufrieden mit dem Ausgang der Geschichte. Selbst der alte Mann und seine Frau schienen auf etwas zu warten.


»Nicht das zufriedenstellendste aller Enden, mein ehrenwerter Freund,« sagte ich zu dem Händler. »Alle Fragen bleiben offen, so mancher Faden hängt noch in der Luft. Es scheint mir, dass an dieser Geschichte noch mehr dran ist, so wie es bei allen eurer Erzählungen war. Hier sind Muster im Spiel, die keiner von euch erwähnt hat, obgleich ihr alle ähnlich viele Anspielungen gemacht habt.« Beide Brüder starrten mich nun direkt an, und ebenso das alte Paar. Der Wächter der Karawane schaute mit einem ernsten Ausdruck im Gesicht vom einen zum anderen, ihre Gesichtszüge nach dem Hauch eines Ausdrucks absuchend, der auf ihre Gedanken hinweisen könnte. Und der Händler sah mich mit einem merkwürdig hungrigen Ausdruck an.


»Ich habe euch genau zugehört, und denke, jetzt ist es an der Zeit, dass ich selbst eine eigene Geschichte erzähle. Sie wird ein feiner Schlussstein für die anderen sein, die wir diese Nacht gehört haben. Also spitzt eure Ohren und alles soll enthüllt werden…«

SaatDesSturms
AmEndeBleibtStille
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